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Pfade der Erinnerung

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Rundherum alles Schutt: die Krone.
Rundherum alles Schutt: die Krone. © Andreas Arnold

Der Internationale Bund in Darmstadt organsiert einen Antifaschistischen Rundgang zum Gedenken an Ermordete von Auschwitz, bei dem die Teilnehmer einiges Ungeahntes entdecken. Manches aus vergangener Zeit und manches Übles von heute.

Der alte Mann kam unerwünscht und gleichzeitig wie gerufen. Die Gruppe aus vorwiegend jungen Leuten hatte sich gerade das Mahnmal für die in Auschwitz ermordeten Sinti und Roma am Justus-Liebig-Haus angeschaut, da stand er plötzlich da: Aufrechte Haltung, erhobenes Haupt, im Brustton der Überzeugung, aber schwer verständlich posaunte er etwas. „Die haben die deutschen Frauen gebügelt, für die kennen wir keine Gnade“, hörte man ihn noch sagen. Dann stapfte er weg.

Das unverhoffte Auftauchen des Mannes war ein erschreckender und zugleich erkenntnisreicher Moment bei dem antifaschistischen Stadtrundgang, zu dem das Fanprojekt des Internationalen Bundes eingeladen hatte. Eigentlich auf den Pfaden der Verfolgung und Zerstörung durch den Nationalsozialismus unterwegs, machte der Einwurf deutlich, dass Fremdenfeindlichkeit mit dem Ende des Dritten Reichs nicht ausgestorben ist. Es war eine klassengroße Gruppe, die anlässlich des von Fußballfans bundesweit begangenen Gedenktags für die Ermordeten von Auschwitz und im Rahmen der Aktion „Nie wieder!“ bei Eiseskälte zwei Stunden lang durch die Stadt lief.

Die Tafel am Weißen Turm

„Stimmungen können schnell kippen im Land, und rassistisches Verhalten ist nach wie vor an der Tagesordnung“, befand eine 23-jährige Darmstädterin. „Man muss die Erinnerung wach halten.“ Mit diesem Ansinnen führte Fanprojekt-Leiter Johannes Musch die Gruppe von Gedenkort zu Gedenkort.

Der erste Halt galt vier Stolpersteinen am Darmstadtium, eingelassen in das Pflaster der Erich-Ollenhauer-Promenade zur Erinnerung an ermordete Juden, die dort in heute längst verschwundenen Häusern gewohnt hatten. Auch hielt man vor dem Weißen Turm an der Tafel, die an die Brandnacht vom 11. September 1944 erinnert.

„Der komplette Innenstadtbereich war zerstört“, erläuterte der Co-Referent, der seinen Namen aus Angst vor der rechten Szene nicht in der Zeitung lesen will. „Stimmt es, dass die Krone noch gestanden hat?“, hakte eine Studentin nach. Stimmt. Und die liegt laut Musch deswegen niedriger als die Umgebung, weil drumherum auf Kriegsschutt gebaut worden sei. „Das war mir auch neu“, stellte Peter Friedl von der Friedensgesellschaft fest. „Man lernt immer wieder was dazu.“

Polizeiauto vor der Synagoge

Erkenntnisse gab es auch am Ruinen-Mahnmal auf dem Kapellplatz zum Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. „Es soll zeigen, was die Bombardements angerichtet haben und was Darmstadt wiederfahren ist“, erläuterte der Stadtführer – und erntete Bedenken für die Worte, „was Darmstadt wiederfahren ist“: Das sei in seiner Familie auch stets gesagt worden, warf ein Teilnehmer ein. „Aber nie erzählt wurde, was Darmstadt gemacht hat. Darmstadt war Nazi-Hochburg.“

Musch pflichtete ihm bei, sprach vom Produktionsstandort für Kriegswaffen, erwähnte, dass Merck Zwangsarbeiter beschäftigte. „Deswegen haben die Alliierten die Stadt ja bewusst bombardiert.“

Versöhnlich stimmen konnte da der Tourhalt vor der neuen jüdischen Synagoge als Symbol des Wiederaufbaus. Ganz normal, wie vor dem Nationalsozialismus, sollten Juden in Darmstadt leben können. Ein Blick auf den Polizeiwagen als Wache vor dem Gebäude machte indes deutlich, dass dem nicht ganz so ist. (aw.)

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