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Ohne gemeinsame Sprache

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Viele Kinder in der Klasse von Eveline Müller müssen Buchstaben erst noch lernen.
Viele Kinder in der Klasse von Eveline Müller müssen Buchstaben erst noch lernen. © Hans Dieter Erlenbach

Kinder von Flüchtlingen lernen unter besonders schwierigen Bedingungen.

Die Klasse von Eveline Müller ist bunt gemischt. Ihre Schüler kommen aus dem Kosovo, aus Pakistan, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Polen. Zwischen sechs und zwölf Jahre sind sie, 16 insgesamt. Keiner von ihnen beherrscht Deutsch und auch eine andere gemeinsame Sprache wie etwa Englisch haben sie nicht.

Die Kinder in der Klasse von Eveline Müller sind Kinder von Flüchtlingen und Zuwanderern, erst seit Kurzem in Deutschland. Sie und ihre Familien sind der Kommune Riedstadt zugewiesen worden, deshalb gehen sie jetzt auf die Georg-Büchner-Grundschule. Für manche ist es die erste Schule, die sie von innen sehen. „Das ist das Prinzip der einklassigen Landschule.

Aber unter verschärften Bedingungen“, sagt Klaus-Geert Heyne. Der Pensionär war Professor für Maschinenbau in Rüsselsheim, er arbeitet im „Freundeskreis Flüchtlinge Riedstadt“ mit, einem Zusammenschluss von Ehrenamtlichen wie es sie in vielen hessischen Kommunen gibt.

Vor einigen Wochen kam Eveline Müller zu einer Sitzung des Freundeskreises. Ihre Botschaft: „Ich brauche Hilfe.“ Nach den Winterferien hatte ihre Intensivklasse Zuwachs bekommen. Im Herbst noch arbeitete sie mit sieben Kindern, von denen einige bereits ein bisschen Deutsch sprachen. „Mit ihnen konnte ich klassischen Sprachunterricht machen“, erzählt Müller. Dann wurden der Schule weitere Kinder zugewiesen – teils, weil neue Flüchtlinge nach Riedstadt gekommen waren, teils, weil die Intensivklasse in Groß-Gerau voll war und Kinder nach Riedstadt schicken musste.

Seitdem unterrichtet Müller 20 Stunden die Woche 16 Schüler. Das ist die Obergrenze für Intensivklassen, aber unter den gegebenen Bedingungen eigentlich schon viel zu viel. Das findet nicht nur die Lehrerin. Auch Günter Mistereck, ebenfalls im „Freundeskreis Flüchtlinge“ aktiv, sagt: „In so eine Klasse gehören mindestens zwei Lehrer.“ Mistereck ist wie Heyne vom Fach, er war Lehrer und Rektor.

Müllers Schüler haben einen ganz unterschiedlichen Wissensstand. „In Mathematik übe ich mit den einen den Zahlenraum von eins bis zehn, mit den anderen von eins bis hundert.“ Sechs der 16 sind nicht alphabetisiert. Ihnen muss die Lehrerin erst einmal beibringen, wie die Buchstaben aussehen. Andere sind schon so weit, dass sie Präpositionen oder Artikel lernen können. Je abstrakter die Aufgabe, desto schwieriger wird es: Wie zum Beispiel lernt man Imperfekt oder Futur, wenn es keine gemeinsame Sprache gibt?

Dazu kommt, dass die 700 Euro pro Jahr, die das Land für die Intensivklasse zahlt, schnell ausgegeben sind. Ein Sprachlernspiel etwa kostet rund 130 Euro, gebraucht werden mehrere. Ohne gehe es aber nicht, sagt die Lehrerin. Das meiste Lehrmaterial kann sie nicht verwenden, weil es voraussetzt, dass die Schüler einen Text lesen können. Also bastelt sie abends zu Hause Sprachkärtchen mit Symbolen drauf.

Viel ehrenamtliche Hilfe

Sie springt mit ihrem privaten Geld ein, wenn ein Kind einen neuen Schnellhefter oder Stifte braucht – denn es gibt Eltern, die mangels Sprachkenntnissen am Anfang die Materiallisten nicht verstehen, die Müller den Kindern mit nach Hause gibt.

Seit dem Hilferuf der Lehrerin kommen Klaus-Geert Heyne, Günter Mistereck und andere Ehrenamtliche aus dem „Freundeskreis Flüchtlinge“ abwechselnd in die Georg-Büchner-Schule. „Alles Fachkräfte aus dem Bereich Pädagogik“, sagt Müller. Nach ihrer Anweisung bringen sie den Kindern Deutsch bei – in Kleingruppen von vier, maximal fünf Kindern. Dadurch hat die Lehrerin den Rücken frei, sich um andere Schüler intensiv zu kümmern.

Wenn die Ehrenamtlichen von den Kindern schwärmen, merkt man ihnen an, dass sie Freude am Helfen haben. „Es gibt doch immer mehr Rentner, die Zeit haben“, merkt Heyne an. Aber, fügt er hinzu: „Das kann nicht so weitergehen. Im Moment müssen wir zusehen, dass wir Frau Müller und die Kinder nicht im Regen stehen lassen. Die Politik muss aber da auf Dauer mehr Geld reinstecken.“ (ers)

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