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Ohne Angst zur Ärztin

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Bei der Schulärztin geht es bunt zu.
Bei der Schulärztin geht es bunt zu. © Claus Völker

Die Darmstädter Schulärztin Ingeborg Keim hat ein Kinderbuch über den Einschulungstest geschrieben. „Lia Fantasia bei der Schulärztin“ erzählt die Geschichte einer Fünfjährigen, die eines Tages mit ihrer Mama zum Gesundheitsamt geht.

Der Junge, nennen wir ihn Jonas, hat bis zehn gezählt und stolz gesagt, er könne sogar „ein bisschen Englisch“. Ingeborg Keim, Schulärztin im Gesundheitsamt der Stadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt-Dieburg, lobt ihn, fragt nach den Farben der Würfel auf ihrem Schreibtisch und will von Jonas wissen, wie viele Finger er an einer Hand und wie viele Zehen er an einem Fuß hat. Die Antworten gehen dem Sechsjährigen bei dieser Einschulungsuntersuchung „ganz locker“ über die Lippen, wie die Ärztin kommentiert.

Zwischen November und Ende Mai hat es Ingeborg Keim, eine von zwei Schulärztinnen für die Stadt, mit 700 bis 800 Fünf- und Sechsjährigen zu tun, die eingeschult werden sollen. Weil sie immer wieder die Erfahrung gemacht hat, dass Eltern bisweilen falsche Vorstellungen von dem haben, was bei der Schuleingangsuntersuchung geschieht, hat sich die Darmstädterin im Herbst hingesetzt und ein Büchlein geschrieben. „Lia Fantasia bei der Schulärztin“ erzählt die Geschichte einer Fünfjährigen, die eines Tages mit ihrer Mama zum Gesundheitsamt geht. Das Buch hat Ingeborg Keim bebildert, zum Teil mit frühen Werken ihrer eigenen Kinder.

Eltern üben zuviel Druck aus

„Ich erlebe es immer wieder, dass Eltern meinen, diese Untersuchung tut weh, weil es Spritzen gebe oder irgendwelche Apparate benutzt würden“, erläutert die Medizinerin einen Grund, weshalb sie Lia Fantasia erfunden hat. Das Schreiben habe zudem „etwas Kreativität in einen oft nüchternen Beruf“ gebracht.

Die Schulärztin sieht mit Sorge, dass viele Eltern ihre Kinder schon früh unter Druck setzen. Für manche könne es mit der Einschulung gar nicht schnell genug gehen, Eltern seien „unter großer Anspannung und unsicher, was ein Kind können muss, wenn es in die Schule kommt“. Dabei sei es alles andere als „ein Versagen“, wenn das Mädchen oder der Junge eine Aufgabe – etwa das Nachzeichnen einer Figur – mal nicht richtig löse. Den Schulärzten geht es darum, Risiken frühzeitig zu erkennen und Elterngespräche oder Arztbesuche einzuleiten.

Balancieren fällt oft schwer

Ingeborg Keim weiß, dass es Kindern zunehmend schwer fällt, selbst scheinbar leichte körperliche Übungen zu bewältigen: Hüpfen auf einem Bein, Balancieren auf einer Linie. Die Gründe seien vielfältig. „Die Bewegungsflächen in der Stadt werden weniger, nicht jeder kann sich die Kosten für einen Sportverein leisten, den Vereinen selbst fehlt es an finanzieller Förderung“, zählt die Schulärztin auf. Übergewicht sei ein weiterer Grund, oft geschuldet falscher Ernährung.

Kindertagesstätten seien den Herausforderungen von personeller und räumlicher Ausstattung her nicht gewachsen. Es zeige sich, dass es im Alltag vieler Kinder unruhig zugehe, sie einer Reizüberflutung ausgesetzt seien, dass zwischen Förderung und Entspannung ein Ungleichgewicht entstanden sei.

Damit Missverständnisse zwischen Eltern und ihrem Amt möglichst erst gar nicht aufkommen, besucht Keim zum Beispiel auch Elternabende. „Ich sehe mich als eine Art Koordinatorin zwischen Elternhaus und Schule.“ Sie freut sich, dass heute nicht mehr nur Mütter ihre Kinder zur Untersuchung begleiten, sondern zunehmend auch Väter. Sie selbst möchte später, im Ruhestand, ehrenamtlich Eltern und Kinder begleiten. (how)

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