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Landarzt Peter Heller betreut in seiner Praxis in Niedernhausen 2400 Patienten.

Darmstadt-Dieburg

Notstand bei den Landärzten

Viele Mediziner im Kreis finden für ihre Praxen keine Nachfolger.

Freitagnachmittag – die letzten Patienten sind gegangen und Landarzt Peter Heller nimmt sich gut zwei Stunden Zeit für ein Gespräch zur Hausarztversorgung auf dem Land. „Das ist ein sehr wichtiges, aber auch schwieriges Thema, weil es so vielschichtig ist, alles Mögliche hineinspielt.“

Deshalb ist es wohl ganz gut, nicht auf ausbleibende wirksame Gesundheitsreformen zu schauen und zu schimpfen. Statt dessen ein Blick in die Praxisräume des Fischbachtaler Landarztes, die im Parterre eines Mehrfamilienhauses die untere Etage einnehmen. Kein Wunder, werden dort doch 2400 Patienten versorgt. „Im Durchschnitt hat eine Hausarztpraxis etwa 800 Patienten“, sagt der Allgemeinmediziner – und schon ist man mitten im Thema.

Denn dass so viele Kranke bei ihm Hilfe suchen, liegt nicht nur am guten Ruf, sondern schlicht auch daran, dass es ringsherum immer weniger Hausärzte gibt. „Ganze Familien kommen in die Sprechstunde und bitten, dass ich sie noch aufnehme. Aber ich kann einfach nicht mehr. Und ich will nicht mehr!“

Wie viele Landärzte steht auch Peter Heller – mit 64 Jahren, einem Herzinfarkt und drei Bypässen – kurz vor dem Ruhestand. „In Reinheim gibt es zehn Allgemeinärzte, davon ist einer unter 60 Jahre alt“, sagt er, und zählt die Lage in den umliegenden Orten auf. Überall das gleiche Bild: Ergraute Landärzte, die ohne Erfolg einen Nachfolger suchen.

Peter Heller hatte solch einen jungen fähigen Kollegen schon so gut wie gewonnen. Zum 1. Januar wollte der Neue einsteigen, habe sich bereits ein Haus in der Nähe gekauft, eine Jagdpacht vorbereitet – und sei dann im letzten Moment abgesprungen. Abschreckend sei wohl vor allem die Zahl 2400, und die Aussicht, dass immer mehr Patienten Hilfe suchend anklopfen werden. „Ich kann als Alleinkämpfer maximal 1200 beziehungsweise 1300 Patienten pro Quartal abrechnen.“

Doch diese Menge an Patienten sei oft schon nach zwei Monaten erreicht, sodass alle Behandlungen im letzten Monat des Quartals nicht mehr angerechnet werden. „Wenn ich Patienten das erläutere, glauben sie mir nicht“, schildert Peter Heller. „Ich habe mir einmal die Mühe gemacht und zusammengezählt: Seit 1992 habe ich eine Million Euro an Honorar, die ich nicht abrechnen konnte.“

Die Medizin wird weiblich

Aber beim zunehmenden Hausarztmangel gehe es gar nicht nur ums Geld. Die Erwartungen an den Beruf haben sich geändert. „70 Prozent der Absolventen im Studium sind mittlerweile Frauen. Medizin wird weiblich. Das bringt dramatische Veränderungen mit sich, weil diese Frauen – und Mütter – als Perspektive für sich und die spätere Familie oft keine Vollzeitpraxen wünschen.“

Weil in vielen ländlichen Gegenden Deutschlands die Hausarztversorgung bröckelt, versucht die Politik, Versorgungslücken zu schließen. Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sollen und müssen wohl nach und nach an die Stelle des guten alten Hausarztes im Ort treten.

Das erste MVZ im Landkreis Darmstadt-Dieburg entsteht derzeit in Ober-Ramstadt. Die Kreiskliniken haben eine dortige Gemeinschaftspraxis von Haus- und Facharzt übernommen und führen diese nun in Eigenregie weiter. Junge Ärzte werden in solchen MVZ angestellt, haben feste Arbeitszeiten und Urlaube; eine kind- und familiengerechtere Lösung. Kosten und Risiko trägt nicht mehr der Arzt, sondern der Steuerzahler.

„Gemeinschaftspraxen und solche Gründungen von MVZ durch die Politik sind gerechtfertigt; nicht allerdings der Kaufpreis jetzt in Ober-Ramstadt“, meint Peter Heller. „Ich kenne die Kollegen und gönne es ihnen, aber 425 000 Euro für die Praxen sind maßlos.“ Wie drängend das Thema ist, verdeutlicht Peter Heller mit zwei letzten Beispielen: „Auf einer Praxenbörse haben im Mai allein aus dem Altkreis Dieburg zwanzig Kollegen ihre Praxen zur Übernahme angeboten – bei nur einem Vielleicht-Interessenten auf der anderen Seite.“ (piz)

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