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Niemand will es gewesen sein

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Auf der Suche nach dem AfD-Wähler: Eine Recherche in Eberstadt, einer Hochburg der Partei.

Vom Schock war am Sonntag viel die Rede, als die ersten Ergebnisse der AfD in Darmstadt bekannt wurden. Wer aber sind die Menschen, die AfD gewählt haben und wo findet man sie? Montagmittag, Stresemann-straße vor dem Eingang der Wilhelm-Hauff-Schule. Hier hat die AfD am Sonntag bei den Listenstimmen 32,1 Prozent geholt, ihr stärkstes Ergebnis in Darmstadt. Jeder Dritte machte sein Kreuzchen bei den Rechten.

Doch am Tag danach ist die AfD wie unsichtbar. Keiner will es gewesen sein. Nichtwähler geben sich zu erkennen, Wechselwähler und Stammwähler. Aber die AfD? Mütter holen ihre Kinder von der Schule ab, andere schleppen pralle Tüten vom Aldi nach Hause. Viele winken ab, schütteln den Kopf: „Ich sage nichts, Wahlgeheimnis.“ Drei Damen plaudern lautstark auf Russisch; waren sie wählen? „Nicht wählen, ich krank.“ Wer stehenbleibt, bereitwillig Auskunft gibt, hat Uffbasse gewählt, die CDU, Ältere auch die Grünen. Eine Passantin kann sich nicht erinnern. „Ich weiß es nicht mehr, äh – die SPD?

Keine klaren Bekenntnisse

Das Quartier gilt als sozialer Brennpunkt; wer hier wohnt, ist selten wohlhabend. Aber es ist kein abgehängter Stadtteil; die Straßen sind sauber, die Geschäfte belebt; Armut, die offenkundig ins Elend zu kippen droht, wie in den Vororten französischer Großstädter, hat ein anderes Gesicht. Die AfD, ein Phantom? Nein, sagt eine junge Frau, sie kenne deren Wähler, zum Beispiel im Fitnessstudio, „da finden viele die AfD toll. Da heißt es, dass es hier zu viele Ausländer gebe, dass man nicht mehr sicher sei“.

Die AfD-Anhänger lassen also verstärkt die Muskeln spielen? Dort werde halt viel geredet, sagt die junge Frau; „da wird auch über die Grünen hergezogen, die sagen, sie verstehen nicht, was die wollen, die sind ihnen zu intellektuell, und da geht meist gleich das Verschwörungsgerede los.

Dass die AfD-Wähler kaum zu greifen sind, wie nicht vorhanden – diese Erfahrung hat auch Peter Franz gemacht, CDU-Stadtverordneter aus Eberstadt. Noch am Tag vor der Wahl betreute er den Stand seiner Partei hier zwischen Wohnblocks und Hochhäusern. „Natürlich hat da mancher gesagt, er wähle eine andere Partei. Aber niemand hat sich zur AfD bekannt.“ Franz vermutet viele AfD-Wähler „in der Russlanddeutschen-Fraktion. Das ist hier eine starke, auf sich bezogene Bevölkerungsgruppe“. Unter Russlanddeutschen gebe es starke Ressentiments, erst recht, wenn sie russisches Fernsehen konsumieren. Da gibt es große Angst und auch große Unzufriedenheit.“

Barbara Akdeniz, wohlvertraut mit dem Stadtteil, seinen Nöten und Konflikten, warnt vor allzu naheliegenden Urteilen. „Es mag eine AfD-Nähe unter Zugewanderten aus den ehemaligen Sowjetstaaten geben. Doch man muss da vorsichtig sein. “ Wie aber erklärt sich Akdeniz die hohen AfD-Zahlen in sozialen Brennpunkten. Also dort, wo sich Politik und Gesellschaft den Menschen intensiv und mit einer Fülle von Angeboten zuwenden, von der Stadtteilwerkstatt bis zum Zirkus Waldoni?

Es ist nun so, als zähle das alles nicht – „stattdessen tritt der Effekt ein, dass Leute, die wenig haben, fürchten, ihnen werde das Wenige, das sie haben, noch weggenommen. Das ist dann eben die subjektive Wahrnehmung, immer auf der Verliererseit zu sein. (ers)

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