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Ane hat nicht aufgegeben

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Im Pfarrhausim Heimstättenweg leben die beiden Männer in einem kleinen Appartement.
Im Pfarrhausim Heimstättenweg leben die beiden Männer in einem kleinen Appartement. © Claus Völker

Erstmals gewährt eine Gemeinde Flüchtlingen Kirchenasyl. Seit kurzen wohnen zwei Eritreer im Pfarrhaus Heimstättenweg, die Mitglieder der Matthäusgemeinde unterstützen die beiden.

Ane ist 31 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, weil er Angst um seine Verwandten in Eritrea hat. Deshalb soll auch kein Foto von ihm veröffentlicht werden. Seit Mitte Mai lebt der Mann in der Matthäusgemeinde in der Heimstättensiedlung – im Kirchenasyl. Er ist dort mit einem anderen Eritreer untergebracht, den die Gemeinde im April aufgenommen hat.

Die beiden Männer teilen sich ein kleines Appartement in Pfarrhaus – mit einem Zimmer, Bad und Küche. Der Einsatz der Gemeindemitglieder für die beiden Gäste ist groß: Familien wechseln sich mit dem Einkaufen für die beiden Männer ab, die das Gelände nicht verlassen dürfen. Mehrmals die Woche gibt ihnen eine ehemalige Grundschullehrerin Deutschunterricht. Von der Gemeinde werden die Eritreer mit englischsprachigen DVDs versorgt.

Pfarrer Andreas Schwöbel schwärmt vom Engagement seiner Gemeinde, die „historisch eine Flüchtlingsgemeinde“ sei. Viele Ältere hätten nach dem Zweiten Weltkrieg auf ihrer Flucht aus Ungarn und dem Balkan selbst Obdach in einer Kirche gefunden, sagt der Sechsundfünzigjährige. „Die können an das Thema Flucht sehr gut anknüpfen.“ Nach Darmstadt ist Ane über den Verein Mekri gekommen, der in Frankfurt muttersprachliche Beratung für Asylsuchende aus Eritrea anbietet. Die Darmstädter Studentin Sewit Haileab ist eine der Mitbegründerinnen des Vereins.

Im Mai, erinnert sich die 28-Jährige, kam Ane, der damals in einer Asylunterkunft in Frankfurt lebte, mit einem Brief der Ausländerbehörde in die Beratung. Aus dem Schreiben ging hervor, dass ihm die Abschiebung nach Italien bevorsteht. „Wir hatten drei Tage, um ein Kirchenasyl für ihn zu finden“, berichtet Haileab, deren Eltern aus Eritrea stammen und die deshalb die Sprache Tigrinya beherrscht.

Über Dorothea Köhler von Agis (Antirassistische Gruppe Internationale Solidarität) Darmstadt stellte Haileab am nächsten Tag den Kontakt zur Matthäusgemeinde her. Am Tag darauf wurde Ane nach Darmstadt gebracht. Köhler hatte bereits Anfang des Jahres die Gemeinde ermuntert, Kirchenasyl anzubieten – und im April den ersten Eritreer in die Heimstättensiedlung vermittelt.

Es ist das erste Mal, dass eine Darmstädter Gemeinde Kirchenasyl gewährt. Bundesweit, sagt Köhler, gibt es knapp 500. Im Landkreis Darmstadt-Dieburg haben etwa Gemeinden in Fischbachtal, Pfungstadt und Groß-Umstadt Flüchtlinge aufgenommen. Köhler engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für Flüchtlinge. Sie sieht ihr Ehrenamt als politische Arbeit. Durch lange Asylverfahren gehe wertvolle Zeit verloren, „die die Betroffenen sonst nutzen könnten, um die Sprache zu lernen und sich zu integrieren“.

Ane hat Eritrea 2006 verlassen. Wenn er darüber spricht, wird sein Blick starr, seine Sätze werden kurz. „In Eritrea kann man nicht leben“, sagt er auf Tigrinya. „Es gibt keine Freiheit.“ Mehrmals habe er in seiner Heimatstadt Asmara im Gefängnis gesessen. Warum? „Das konnte mir keiner sagen.“ Ane flüchtete schließlich über Somalia und Sudan nach Libyen. 2008 kam er von dort aus mit einem Boot auf die italienische Insel Lampedusa.

Allein beim Versuch, illegal nach Sudan einzureisen, sei er sechsmal festgenommen und ins Gefängnis geworfen worden, berichtet er. Ane gab nicht auf. Beim siebten Mal klappte es. Und warum will er nicht mehr nach Italien? „Dort gibt es nichts. Man ist auf sich gestellt.“ Nach acht Monaten im Flüchtlingsheim in Mailand sei er auf die Straße gesetzt worden. Für Anes Mitbewohner ist das Kirchenasyl vorbei: Er ist lange genug in Deutschland, um hier Asyl zu beantragen. Für Ane ist Donnerstag, 2. Juli, der Stichtag. Pfarrer Schwöbel und die Helfergruppe kümmern sich darum, was danach ist.

Vieles ist noch unklar: Wo werden sie wohnen? Welche Sprachkurse gibt es? Können Sie eine Ausbildung beginnen? Eines aber ist so gut wie sicher: Die beiden dürfen bleiben. (ers)

Ansprechpartner ist Pfarrer Andreas Schwöbel (erreichbar unter der Telefonnummer 0151 11 / 23 93 26, oder per E-Mail: andreas.schwoebel@medianet-world.de).

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