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Naturverbunden und sozial

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Die Wixhäuser Turmfalken sind der jüngste Stamm in der Darmstädter Pfadfinderfamilie.
Die Wixhäuser Turmfalken sind der jüngste Stamm in der Darmstädter Pfadfinderfamilie. © Claus Völker

Darmstadt Pfadfinder feiern 100-jähriges Bestehen / Familienfest im Herrngarten

Ihr vier seid groß und stark, ihr macht die Basis“, ruft Sippenführerin Luzie Nießner die Älteren herbei, im nächsten Moment bricht das Kichern los. „Jemand drückt mir mein Schulterblatt ein“, ruft einer von der unteren Reihe und lacht. „Tobi, wackel mal nicht so“, ruft’s von weiter oben. Aber es hilft nichts. Die Menschenpyramide bricht zusammen, bevor sie vollendet ist.

Es ist ein quicklebendiger Haufen Pfadfinder, der sich da auf der Wiese hinter der evangelischen Kirche in Wixhausen tummelt. Einmal wöchentlich treffen sich die Turmfalken bei der Gemeinde. Gegründet wurde die Gruppe 2008 und ist mit 26 Mitgliedern der jüngste Stamm in der Darmstädter Pfadfinderfamilie, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert – und aus diesem Anlass am Samstag zu einem Fest in den Herrngarten einlädt.

„Eine Entwicklung vom Heeresspion zum Friedenslichtbringer“, so umreißt Gerd-Dieter Allmann die Historie. Er hat in Darmstadt so ziemlich alle Stufen der Pfadfinder-Karriereleiter durchlaufen und verdingt sich heute im höheren Alter als Schriftführer des „Freundes- und Fördererkreis der Darmstädter Pfadfinderinnen und Pfadfinder“. „Da ist in 100 Jahren viel geschehen.“

1911 aus der Wandervogelbewegung heraus gegründet und damit der von Robert Baden-Powell 1907 entwickelten Scouts-Idee folgend, seien die Pfadfinder ursprünglich militärisch geprägt gewesen. Nach Hitlers Machtergreifung wurden sie verboten. Der Darmstädter Pfadfinderhorst wurde ins Jungvolk, der Jugendorganisation der Hitler-Jugend überführt, teils wurden Pfadfinder aus Jungvolk und HJ ausgeschlossen. Die Geschichte lässt sich in einer Dokumentation nachlesen, die der Förderkreis zum Jubiläum herausgegeben hat. Nachgezeichnet wird dort auch die Linkspolitisierung innerhalb der Pfadfinder ab Mitte der 60er Jahre, die Abspaltungen und Neugründungen nach sich zog.

Die Welt etwas besser machen

Doch Politik beiseite – Daniel Matzke (31) hebt lieber den ursprünglichen Grundgedanken der Pfadfinder hervor: „Jugendarbeit zu machen“, sagt der stellvertretende Turmfalken-Stammesführer. „Junge Leute begeistern und in die Natur hinausführen.“ Hinzu kommt der soziale Anspruch, der in dem feierlichen Versprechen begründet werde – beginnend bei den Jüngsten, den Wölflingen. „Ein Wölfling hilft, wo er kann, und nimmt auf andere Rücksicht“, zitiert Matzke. „Wenn sich alle so verhalten, hat man in der Gruppe keine großen Konflikte.“

Die Pfadfinder versuchen, ein Bewusstsein für die Natur zu schaffen. Bei Baum- und Tierbestimmung, einem Besuch beim Förster oder dem Bau eines Insektenhotels gehe es darum, spielerisch zu lernen. Und auch Gutes zu tun: So haben die Turmfalken schon ein gutes Dutzend Apfelbäume gepflanzt. Die Tradition wird also gepflegt. Aber wie begegnet man der Moderne? Stichwort: Handy, Internet, Facebook. „Ein Faktor, der immer wichtiger ist, und mit dem wir uns beschäftigen müssen“, antwortet Matzke. Es gebe Pfadfinder-Seiten im Internet und Stämme, die Geocaching machen – also eine Schnitzeljagd mit GPS-Gerät. Doch man will der Technik auch Einhalt gebieten. Auf Zeltlagern solle auch vermittelt werden, dass man nicht immer erreichbar sein .

Und Gerd-Dieter Allmann? Für ihn gilt das Leitmotiv, das ihn schon immer mit den Pfadfindern verbunden hat: „Dass man versucht, die Welt ein bisschen besser zu verlassen, als man sie vorgefunden hat.“ (aw.)

Mit einem Familienfest im Herrngarten feiern die Darmstädter Pfadfinder am Samstag von 12.30 bis 18 Uhr ihr 100-jähriges Bestehen. Rund um das Porzellanschlösschen gibt es ein Zeltlager, Spiele, Musik und eine Ausstellung.

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