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Nach 35 Jahren immer noch ein Fremder

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Deutscher mit türkischen Wurzeln erlebt Diskriminierung beim Hauskauf.

M.T. (Name der Redaktion bekannt) ist Deutscher - mit türkischen Wurzeln. Sein Vater kam in den 60ern als Gastarbeiter nach Deutschland, holte 1981 Sohn und Ehefrau nach.

M.T. hat in den vergangenen Wochen Demütigungen erlebt, die ihm nahe gehen. Ihm, der sich in Deutschland wohlfühlt, der vor 15 Jahren in Raunheim ein kleines Wohn- und Geschäftshaus gebaut hat, mit dessen Mieterträgen er das Objekt finanzierte, wird nun nach knapp 35 Jahren in Deutschland, gleich mehrfach bewusst, dass er in dem Land, das er als seine Heimat sieht, nicht willkommen ist. „So schlecht habe ich mich noch nie gefühlt.“

Er hat sich vergangenes Jahr entschlossen, das Wohn- und Geschäftshaus zu verkaufen und in ein kleineres Einfamilienhaus zu ziehen. In Raunheim hatte er ein Objekt gefunden. Er ruft bei dem Immobilienmakler an, bekundet sein Interesse für das Objekt auf einem Anrufbeantworter. Kurze Zeit später bekommt er einen Rückruf. Der Mann am Telefon redet seltsam.

Es sei ihm peinlich, was er ihm jetzt sagen müsse, druckst er herum. „Sie sind ja Ausländer.“ T. entgegnet: „Nein, ich bin Deutscher.“ „Sie haben keine deutschen Wurzeln. Die Besitzer wollen nicht an Ausländer verkaufen. Vor allem nicht an Türken und Muslime“, muss sich T. sagen lassen. Er ist entsetzt. Er geht zur Raunheimer Stadtverwaltung und schildert den Fall, verweist auf das Diskriminierungsverbot. Doch das habe der Mitarbeiter dort gar nicht gekannt.

T. ruft den Vorgesetzten des Anrufers an und schildert ihm den Fall. Das alles tue ihm leid, soll der gesagt haben. Die Verkäufer, ein hochbetagtes Ehepaar, hätten eben Angst vor Ausländern. T. fragt den Makler, warum er solche Aufträge nicht ablehnt. Eine Antwort bekommt er nicht.

Vorurteile auch im Job

Die Familie – T. ist Vater von drei Kindern – besichtigt ein anderes Haus in Rüsselsheim. Dabei kommen sie mit dem Nachbarn ins Gespräch. T. fragt, ob er an der Grundstücksgrenze einen kleinen Anbau errichten dürfe. Wieder schlagen ihm Vorurteile entgegen. „Heute kommen sie mit drei Kindern, einige Jahre später ist es ein ganzer Haufen. So viele Ausländer wollen wir hier nicht“, habe der Mann gesagt. Die Bitte habe er abgelehnt.

„Wir sind doch integriert“, betont T. im Gespräch. Seine Frau trägt kein Kopftuch, die Familie spricht nahezu akzentfrei Deutsch. T. begann 1985 eine Lehre bei Opel. Danach wollte er einen Meisterlehrgang machen. Dazu brauchte er die Zustimmung seines Vorgesetzten. „Ein Türke als Meister?“, habe der nur gefragt. Auf den Lehrgang wurde T. nicht geschickt. Er bewarb sich bei der Werkssicherheit. Dazu gehört auch die Werksfeuerwehr. „Du glaubst doch nicht, dass jeder diese Uniform tragen darf“, sei ihm in der Personalverwaltung gesagt worden.

Ein Jahr später unternahm er einen neuen Vorstoß bei der Werkssicherheit. „Wenn du Martin heißen würdest, wärst Du schon längst bei uns“, habe ein Gruppenführer damals gesagt. Mittlerweile arbeitet T. dort seit fast 25 Jahren. Seine Kollegen nennen ihn nicht bei seinem türkischen Namen. Sie nennen ihn Martin. (hde)

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