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Nach dem Grauen Geborgenheit

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Ein neuer Vernehmungsraum im Darmstädter Justizzentrum soll Kindern ihre Aussagen vor Gericht erleichtern. Die Gespräche werden künftig auf Video aufgezeichnet. Das erspart der jungen Opfern mehrfach aussagen zu müssen..

Hellblaue Kissen laden zum Herumlümmeln ein, im Regal reihen sich Bilderbücher aneinander, Stofftiere wollen geknuddelt werden. In dem Raum im Justizzentrum sollen sich Kinder sicher fühlen, die Unvorstellbares durchleiden mussten. Hier werden die jüngsten Gewaltopfer zu ihren traumatischen Erlebnissen befragt.

In dem neuen Vernehmungsraum werden die Gespräche künftig als Video aufgezeichnet. Nur eine Person ist dabei beim Kind und leitet das Gespräch. Alle anderen wie Polizei oder Staatsanwaltschaft sind in einem Nebenraum und können per Telefon Fragen weiterleiten.

Die Videos werden dann später bei den Gerichtsverhandlungen eingespielt. „Die Opfer müssen künftig nur noch einmal aussagen und nicht wie früher mehrmals“, erklärt Markus Herrlein, Leiter des Amtsgerichts, bei der Eröffnung des Raums am Dienstag. Bislang hätten Kinder in einigen Fällen zunächst bei der Polizei, dann beim Ermittlungsrichter und später sogar noch vor Gericht aussagen müssen. „Diese Erfahrung hat die Kinder oft nur noch mehr traumatisiert.“ Ein Gerichtsprozess schüchtere die jungen Opfer sehr ein. „Da gibt es plötzlich Männer und Frauen in Roben und eine klare Sitzverteilung. Alles ist sehr autoritär. Das hält viele Kinder davon ab, offen zu sprechen.“

Herrlein ist froh, dass er selbst keine Kinder als Opfer von Gewalt mehr befragen muss: „Das ist die schwerste Aufgabe, die ein Richter haben kann.“ Als Berufsanfänger in Wiesbaden habe er oft Fälle von Kindesmissbrauch bearbeitet. „Mir wurde damals schnell klar, dass ich schwertraumatisierte Kinder nicht in meinem spartanischen Amtszimmer befragen kann“, erinnert er sich. Weil es keinen extra Raum gab, hat er kurzerhand sein Büro umgestaltet. „Ich habe Fotos meiner Kinder aufgehängt und mir Spielzeug geliehen.“

Gerade über die Bilder seiner Töchter habe er so manches Opfer zum Reden gebracht. „Ich habe den Kindern zuerst erzählt, was meine Töchter gerne spielen.“ An solchen Tagen habe er auch oft seinen Anzug im Schrank gelassen und sei in Jeans zur Arbeit gekommen, „um die Atmosphäre noch lockerer zu gestalten.“

Das neue Vernehmungszimmer mache es nun einfacher, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Wichtig ist Herrlein, dass die Opfer im Raum davor geschützt seien, dem Täter wiederzubegegnen. „Der Raum ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich“, versichert der Amtsgerichtschef.

„Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Junge von seinem Vater missbraucht worden war“, sagt Herrlein. „Ich war gerade mit dem Opfer im Gespräch, als der Beschuldigte samt seinem Anwalt hereinkam.“ Der Junge habe entsetzlich geschrien. „Diese schreckliche Situation werde ich wohl nie vergessen.“ So etwas könne im neuen Raum nun nicht mehr vorkommen.

Gekostet hat das Vernehmungszimmer 12.000 Euro, Spenden kamen von der Sparkasse und der Opferhilfeorganisation Hänsel und Gretel. Deren Geschäftsführer, Jerome Braun, betonte, dass die auf Video aufgezeichneten Vernehmungen vor Gericht mehr Durchsetzungskraft hätten. „Früher musste man aus einem Wortprotokoll vorlesen. Dann hieß es dort etwa ,Kind ist ängstlich’. Nun könne man das Verhalten des Opfers auf der Leinwand direkt sehen.

So begeistert Braun und Herrlein vom neuen Vernehmungsraum sind, beide hoffen, dass das Zimmer so wenig wie möglich benötigt wird. (ers)

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