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Mütter im Krippen-Stress

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Von den  Sorgen der Eltern haben die Kleinen keine Ahnung. Sie wollen nur spielen.
Von den Sorgen der Eltern haben die Kleinen keine Ahnung. Sie wollen nur spielen. © AP

Eltern in Not: In Darmstadt sin der Betreuungsmöglichkeiten für Kinder rar. Wer sein Kind unterbringen will, muss sich auf Wettbewerb einlassen

Momentan kann Sigita Urdze ein bisschen verschnaufen vom Krippen-Stress. Im Schneidersitz hockt die Politikwissenschaftlerin auf einem Stuhl in der Küche, in ihren Armen liegt Daina und knötert leise vor sich hin.

Noch muss sich die vierfache Mutter um die Betreuung ihrer neugeborenen Tochter keine Sorgen machen. Aber die junge Mutter und ihr Mann haben schon einige leidige Erfahrung mit der Suche nach einem Betreuungsplatz hinter sich: Vergeblich bei Einrichtungen anklopfen, sich auf Wartelisten setzen lassen, zu überfüllten Elternabenden pilgern, in Bewerbungsgesprächen für sich und den Sprößling werben – das gehört für sie und andere Eltern dazu, wenn der Nachwuchs in die Krippe soll. Einen Platz in Darmstadt zu finden, ist kein Kinderspiel. Es gibt nach wie vor viel zu wenige.

Vor zwei Jahren brauchte Urdze für ihr drittes, damals fast einjähriges Kind einen Betreuungsplatz. Die Informationen im Internet sahen vielversprechend aus. „Da sieht man die lange Liste und denkt: Super, kein Problem, mein Kind unterzubringen.“ Das war ein Trugschluss.

Kritik an privaten Initiativen

Überall habe sie ihr Kind damals angemeldet, vier bis fünf Vorstellungsgespräche gehabt und es parallel über Beziehungen versucht. „Alles gescheitert“, sagt sie. „Ich war verzweifelt.“ Schließlich gründeten Urdzes selbst eine Krippe, die Zwergnasen.

Es ist bei weitem nicht die einzige Elterninitiative, die in Darmstadt aus der Not heraus geboren wurde und dazu beiträgt, Lücken im Betreuungsangebot zu füllen. Und das gilt nicht nur für die Krippenlandschaft: Gerade entsteht in Kranichstein mit dem Kranichnest aus einer Elterninitiative heraus ein Kindergarten.

Von den derzeit 713 Plätzen für Kinder unter drei Jahren wird ein Viertel von Privatinitiativen abgedeckt. Rund 300 Plätze werden von Tageseltern angeboten. Das Angebot hat sich in den vergangenen Jahren verbessert, im Jahr 2006 gab es erst knapp 400 Plätze. Aber der Bedarf ist längst nicht gedeckt. Nur für 24 Prozent der Kinder unter drei Jahre gibt es derzeit einen Krippenplatz.

Will die Stadt den vom Bund angestrebten Deckungsgrad von 35 Prozent erreichen, der für Großstädte nicht einmal als ausreichend gilt, braucht sie rund das Doppelte an Plätzen. Das ist mit den vielleicht 200 Plätzen, die im kommenden Jahr zusätzlich entstehen sollen, nicht zu schaffen. Und ab 2013 sollen auch unter Dreijährige einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben.

Ist es in Ordnung, wenn hier immer mehr Eltern-Krippen Abhilfe schaffen? „Die Stadt darf keine Krippen mehr eröffnen, weil kein Personal mehr eingestellt werden kann“, sagt Sigita Urdze mit Blick auf Darmstadts Schuldenberg. Aber Eltern-Initiativen haben immer auch den negativen Beigeschmack der Privatisierung kommunaler Aufgaben, das stößt durchaus auf Kritik. Da berichten Eltern etwa entrüstet von Vorstellungsrunden, in denen sie ihre Berufssituation oder ihre Ernährungsgewohnheiten darlegen sollen. Oder finden fraglich, dass sie überhaupt nur für einen Platz in Frage kommen, wenn sie dort auch putzen und kochen.

„Elterninitiativen sind von einer bestimmten, eher akademischen Klientel geprägt, da ist sie Selbstselektion schon sehr groß“, räumt Urdze ein. Deswegen sei auch der kirchliche und städtische Ausbau wichtig. „Der Bedarf ist so lange da, wie Eltern ihn anmelden“, findet die Mutter. ( aw)

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