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Mühsamer Weg zur Integration

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Jennifer Lennon möchte in ihrem Ausbildungsberuf Bürokauffrau arbeiten.
Jennifer Lennon möchte in ihrem Ausbildungsberuf Bürokauffrau arbeiten. © Alexander Heimann

Trotz Berufsausbildung findet Bürokauffrau Jennifer Lennon keinen Job.

Jennifer Lennon (32) sucht Arbeit: Seit sieben Jahren ist die Bürokauffrau aus Biebesheim, die durch Lähmung gehbehindert und zudem feinmotorisch eingeschränkt ist, auf der Suche nach einer Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Als ich 100 Bewerbungen geschrieben hatte und diese ohne positiven Bescheid blieben, hab‘ ich aufgehört zu zählen, wie viele noch dazukamen“, sagt Jennifer Lennon.

„Der Weg zur Integration in der Arbeitswelt ist mühsam und kleinschrittig“, sagt Stefan Bormann von der Kreisvereinigung Lebenshilfe – sie unterstützt Menschen mit geistiger Behinderung – mit Blick auf sieben Jahre erfolglose Jobsuche von Jennifer Lennon. Sie sei bei Weitem kein Einzelfall, betont Geschäftsführer Bormann, der in Austausch mit dem Integrationsfachdienst (IFD), dem Kommunalen Jobcenter und auch dem Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft immer wieder Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt auslotet.

So auch für Jennifer Lennon. „Zwar heißt es, dass Bewerbungen von Menschen mit Behinderung bei gleichen Voraussetzungen bevorzugt werden sollen, doch die Praxis spricht, trotz Fördermöglichkeiten, die Firmen ausschöpfen könnten, eine andere Sprache“, so Bormann. Auch für Jennifer Lennon, die jetzt zwei Wochen innerhalb einer Maßnahme für Menschen mit schwerer Behinderung als Praktikantin in der Verwaltung der Lebenshilfe arbeitete, ist der Weg steinig.

Von Geburt an ist sie feinmotorisch sowie beim Gehen gehandicapt, braucht für längere Strecken einen elektrischen Rollstuhl, ansonsten benutzt sie eine Gehhilfe oder den Rollator. „Die Crux ist, wir von der Lebenshilfe können die gelernte Bürokauffrau nicht behalten, denn unser Haus ist in paradoxem Widerspruch zu unseren Zielen nicht behindertengerecht ausgestattet“, so Bormann. Zudem: Das Geld sei knapp in der Kreisvereinigung der Lebenshilfe, deren Bedarfe durch Unterstützung von Kreis und Land nicht gedeckt sind, sodass man auf Zuschüsse angewiesen ist.

Über 100 Bewerbungen

Während des Praktikums habe Jennifer Lennon als Verwaltungskraft gearbeitet, sei mit dem Erstellen eines Flyers für das anstehende Sommerfest sowie einem strukturierten Verteilerplan von Broschüren für Arztpraxen betraut gewesen. „Ich wollte zeigen, was ich kann“, sagt Lennon. Denn jedes neue Praktikum beinhalte die Chance, sich zu beweisen, setzt sie hinzu. Dahinter steht freilich die Hoffnung auf feste Arbeit.

„Mehrfach wurde an Jennifer herangetragen, in einer Werkstatt für Behinderte zu arbeiten, doch – so sinnvoll diese Einrichtungen sind – letztlich entspräche dies nicht ihrer Leistungsfähigkeit“, meint Bormann. Die junge Frau ist geistig fit, liest gern Biografien, hört gern Musik und kocht gern.

„Ich lebe in Biebesheim selbstständig in meiner behindertengerechten Wohnung“, sagt sie. Eine Arbeit in ihrem Beruf als Bürokauffrau zu haben, das sei das, was ihr fehle, um glücklich zu sein. „Ich glaube, viele trauen mir zu wenig zu“, sagt sie. Blickt sie auf ihr Leben zurück, so wurde sie als Kind im evangelischen Kindergarten noch „voll akzeptiert“. Erst mit der Einschulung wurde es schwierig – Lennon kam in eine Behindertenschule, hat aber letztlich einen guten Haupt- und Realschulabschluss sowie eine Berufsausbildung absolviert. „Ich weiß, was ich kann“, sagt sie selbstsicher. Und hofft, dass auch andere es wissen wollen. (lot)

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