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Möbel mit sozialem Wert

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Ins Ka-Gel dürfen die Mitarbeiter auch ihre Probleme mitbringen.
Ins Ka-Gel dürfen die Mitarbeiter auch ihre Probleme mitbringen. © Claus Völker

Als das Ka-Gel öffnete, war der Sozialpädagoge Olaf Peter zuversichtlich, dass sich seine Tätigkeit aus den Erlösen finanzieren ließe. „Dieser Teil ist gescheitert“, muss er nun feststellen. Nun hofft er, dass künftige Mitarbeiter über die Arbeitsagentur finanziert werden können.

Michael Harth war 30 Jahre lang drogenabhängig. Seit drei Jahren ist er clean, seit einem halben Jahr hat er neue Arbeit. Bei Ka-Gel, dem Kaufhaus der Gelegenheiten. Der gemeinnützige Verein Zündholz – Hilfe zur Selbsthilfe verkauft hier Gebrauchtmöbel und bietet trockenen Alkoholikern und Ex-Drogenabhängigen – 60 waren es seit Beginn des Projekts 2006 – einen qualifizierten Arbeitsplatz. Und sozialpädagogische Betreuung durch Olaf Peter, den Initiator des Projekts.

Die Betreuung ist Michael Harth besonders wichtig. „Ich hatte panische Angst davor, clean ins Arbeitsleben zurückzukehren“, sagt er. Denn während seiner Drogensucht – zum Schluss hat er vor allem Kokain genommen – arbeitete er bis zu 20 Stunden am Tag, um sie zu finanzieren. „Ich kannte Arbeit nur mit Drogen“, gesteht er. „Ich wusste nicht, was ich kann und wo ich stehe.“

Nach der Therapie fing der gelernte Maurer und Humanpräparator, der auch lange als Schreiner gearbeitet hatte, als Bestattungshelfer an. „Aber ich war total verunsichert, kam nicht klar mit dem Tagesrhythmus, und deshalb ging das auch nur ein Jahr lang gut.“

Kunden bleiben aus

Im Kaufhaus der Gelegenheiten ist er mit dieser Erfahrung nicht allein. Die vier Mitarbeiter und drei Auszubildenden zum Kaufmann oder zur Kauffrau für Bürokommunikation haben eine ähnliche Geschichte und schätzen die Unterstützung von Peter. „Der ist immer da, wenn man Probleme hat, und man kommt sich nicht so verloren vor“, sagt Harth.

Maler- und Lackierermeister Hubert Steinmüller ist von Beginn an dabei. „Man steht nicht allein, man kann sich mit Kollegen über die Problematik und auch mal über Privates unterhalten“, zählt der Ex-Alkoholiker auf.

Aber das Projekt steht auf der Kippe. „Seit einiger Zeit kommen keine Leute mit Bestellschein mehr“, sagt Olaf Peter. Das sind Bezugsscheine von Hartz-IV-Agentur und Sozialamt, die zum Erwerb von Wohnungseinrichtung berechtigen, sei es ein ganzes Wohnzimmer, ein Bett oder auch nur eine Herdplatte. „Woran das liegt wissen wir nicht“, sagt der Sozialpädagoge.

Außerdem betreut Peter das Projekt bislang allein und ehrenamtlich. Als das Ka-Gel öffnete, war er zuversichtlich, dass sich seine Tätigkeit aus den Erlösen finanzieren ließe. „Dieser Teil ist gescheitert“, muss er nun feststellen. Er will erreichen, dass künftige Mitarbeiter über Arbeitsagentur- und Arge-Maßnahmen finanziert und auch die Betreuung und die Verwaltung abgedeckt werden können. Kurzfristig „muss ich mein Engagement zurückfahren und den Betrieb verstärkt in die Hände der Leute legen“, sagt er.

Die planen zusätzlich zum Gebrauchtmöbelverkauf ein Netzwerk an Ausgründungen, das sich gegenseitig ergänzt. Malermeister Hubert Steinmüller renoviert die Wohnungen, deren Haushalte Michael Harth aufgelöst und entrümpelt hat. Ein Dritter kümmert sich um die Elektrik, eine weitere Kollegin bietet einen Haushaltsservice mit Einkaufen, Putzen, Haushaltsführung, Kinder- und Altenbetreuung an.

Michael Harth ist zwar zuversichtlich, dass er von Haushaltsauflösungen leben könnte, aber er will auf den schützenden Rahmen des Ka-Gel nicht verzichten. „Wenn Ende August tatsächlich Schluss ist, gibt es keine Perspektive für mich“, sagt er.

Bis Ende August müsse die Miete für die beiden Hallen drin sein, sagt Olaf Peter. Er wünscht es sich schon wegen der drei Auszubildenden, die sonst auf der Straße stünden. „Die Entwicklung von den Leuten ist wirklich bemerkenswert“, sagt er. ( rwb)

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