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In der Mitte der Gesellschaft

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Von: Fabian Scheuermann

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Rechtsextreme Ansichten sind weit verbreitet.
Rechtsextreme Ansichten sind weit verbreitet. © Falk/Pixelio

Darmstadt diskutiert über Rassismus im Alltag – und was man dagegen tun kann

Rassismus gibt es überall. Nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft, sondern auch mittendrin. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion, die am Dienstag im Rahmen der „Darmstädter Tage gegen den Rassismus“ im Justus-Liebig-Haus stattfand. Zu der von FR-Landeskorrespondent Volker Schmidt moderierten Veranstaltung war ein hochkarätiges Podium geladen: Neben Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) diskutierten Vertreter von türkischen, eritreischen und Sinti-und-Roma-Vereinen sowie DGB, IHK und Schulamt. Außerdem referierte der Berliner Parteienforscher Carsten Koschmieder.

Zuerst räumte dieser mit dem Mythos auf, rechtsextreme Gesinnungen seien nur bei grölenden Glatzköpfen zu finden. „Rechtsextremismus ist ein Problem der gesamten Gesellschaft“ sagte der Politikwissenschaftler und zitierte aus einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführten Umfrage unter mehr als 2000 Deutschen: Über 35 Prozent stimmen demnach der These zu, dass Deutschland in „gefährlichem Maß überfremdet“ sei.

Ein erschreckender Befund. Darmstadt ist Partsch zufolge zwar „Gott sei dank“ nicht so rassistisch – doch sei er auch hier schon dem Thema begegnet. Während des Rummels um Thilo Sarrazin habe er „rassistische Äußerungen stärker wahrgenommen“ – auch von Leuten, von denen er es nie erwartet hätte, wie er sagte. Überhaupt: Alltagserfahrungen. Einer der Anwesenden wurde von rassistischen Äußerungen seiner Tochter am Küchentisch überrascht. Nach einem Schüleraustausch in der Türkei kam so etwas nicht mehr vor.

Koschmieder hat dafür eine einfache Erklärung: Je mehr man mit Ausländern zu tun habe, desto toleranter werde man. „Unwissenheit schafft Vorurteile“, sagte Eda Kurt vom türkisch-islamischen Kulturverein Ditib. Besonders zu spüren bekommen dies Sinti und Roma. Deren Vertreter Adam Strauß sprach von Schülern, die bei „Roma“ noch an Zigeuner in Kutschen dächten. Solche Unwissenheit führe zu Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Doch was kann man dagegen tun? Partsch nannte Projekte wie die interkulturelle Schulung städtischer Mitarbeiter. Eine Besucherin forderte strukturelle Veränderungen wie anonymisierte Bewerbungsverfahren, ihr Sitznachbar mehr Aufklärung in der Schule. Die Vertreter von Schulamt und IHK nehmen die Vorschläge ernst, weisen aber auch auf laufende Angeboten wie etwa Deutsch-Intensivkurse hin.

Falsche Bilder im Kopf

Stichwort Bildung: Kurt wollte sich keinesfalls in eine Diskussion über „bildungsferne Schichten“ begeben – sie prangerte Verallgemeinerungen an. Hier seien auch die Medien in der Pflicht, mahnt Goitom Beraki vom eritreischen Kulturverein: „Warum sieht man von Afrika immer nur Hunger und Krieg?“ fragte er. Letztlich seien es auch die „Bilder in unseren Köpfen“, die Rassismus beförderten. Partsch warnte zudem davor, durch die Verwendung von diskriminierender Sprache das Beklagte am Ende selbst herbeizureden.

Es war spät geworden, als Moderator Schmidt die Zukunftsfrage stellte: Was wird befürchtet, was erhofft? Jürgen Planert vom DGB wünscht sich, dass die Eurokrise keinen Fremdenhass befeuert. Und Koschmieder ist sich sicher, dass man auch in zwanzig Jahren noch über das Thema diskutieren wird: „Der Einsatz für Toleranz ist nie zu Ende.“

Noch heute ist die Schau „Opfer rechtsextremer Gewalt seit 1990 in Deutschland“ im Justus-Liebig-Haus, große Bachgasse 2, 10-17 Uhr, zu sehen.

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