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Missbrauchsopfer wehren sich

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Grundschullehrer Erich Buß mit ABC-Schützen im Klassenzimmer.
Grundschullehrer Erich Buß mit ABC-Schützen im Klassenzimmer. © Privat

Schüler des inzwischen verstorbenen und wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Darmstädter Lehrers Erich Buß gehen an die Öffentlichkeit. Sie fordern Entschädigungszahlungen und eine unabhängige Untersuchung.

Einer kann nicht tanzen. Nicht, weil er es nicht gelernt hätte. Sondern weil er die Nähe nicht erträgt. Fordern ihn Frauen bei Feiern zum Tanzen auf, wehrt er ab und bleibt sitzen. Droht die Situation peinlich zu werden, geht er. „Dann weiß ich“, sagt Richard Collister, „dass er sich wieder irgendwo volllaufen lässt.“

Collister kennt andere Männer, die jahrzehntelang keinerlei sexuelle Kontakte hatten. Die sich zu Frauen hingezogen fühlen, aber keine Beziehung aufbauen können. Andere, die ihre eigene sexuelle Orientierung nicht kennen, weil eine unbefangene Erprobung nicht möglich war. „Ich selbst bin extrem schüchtern“, sagt Collister – der Name ist ein Pseudonym. „Und ich habe 30 Jahre lang nicht gelacht und nicht geweint.“

Noch ein Phänomen, über das auch Andere berichten: eine extreme Skepsis gegenüber Autoritäten, die sich auf das Arbeitsleben auswirkt. Viele halten es unter Vorgesetzten nur kurze Zeit aus, haben zahlreiche Jobwechsel hinter sich. Die Männer, von denen hier die Rede ist, haben außer ähnlichen persönlichen Problemen ein weiter zurückliegendes Detail ihrer Biografien gemein: Sie waren Schüler des Darmstädter Lehrers Erich Buß.

Ein Detail, das diese Biografien prägt. Denn Buß, der an der Elly-Heuss-Knapp-Schule zahlreiche Fächer unterrichtete und dort als mustergültiger Pädagoge galt, führte ein zweites Leben.

Über mehrere Jahrzehnte hat Buß zahllose Schüler, die ihn außerhalb der Unterrichtszeit in seiner stets offenen Wohnung besuchten und dort große Teile ihrer Freizeit verbrachten, systematisch misshandelt. Manuelle und orale sexuelle Kontakte sowie anale Vergewaltigungen sind dokumentiert – durch die Justiz, die ihm vor zehn Jahren endlich den Prozess machte, aber auch durch seine eigenen Tagebücher, in denen er seine Taten festhielt.

Schwierige Familienverhältnisse

„Bei ... erreiche ich mit geringem Aufwand eine ganze Menge“, schrieb Buß über einen Schüler. „Er ist, wie alle vaterlosen Kinder, hungrig nach einem Ersatz.“ Ein anderer Eintrag: „Bei ... glaube ich immer noch, leichtes Spiel zu haben, ihn unterjochen zu können. Homo bestialis.“ Die Folgen für die Schüler sind vielfach katastrophal. Im Rückblick steht man, ähnlich wie bei der Odenwaldschule, ratlos vor einem scheinbar uferlosen verbrecherischen Szenario. Und fragt sich, für eine Darmstädter Schule noch mehr als für die Abgeschiedenheit eines Mittelgebirgstals: Wie war so etwas möglich?

„Alle Betroffenen, die ich kenne, stammen aus schwierigen Familienverhältnissen“, beschreibt Collister das Vorgehen von Erich Buß. Er wählte Söhne von prügelnden oder trinkenden Vätern, von überforderten alleinerziehenden Müttern. Viele suchten unbewusst eine verlässliche männliche Bezugsperson.

In der Wohnung des Lehrers im Fiedlerweg herrschte ein „freies Leben“: Es gab Fernsehen ohne Limit, Carrerabahn, Videospiele, Pizza. „Für uns war das ein Abenteuerspielplatz. Buß lud aber ganz bewusst auch Schüler aus geregelten Verhältnissen ein. Auch Mädchen und ältere Schüler.“ Die aber wurden nicht aufgefordert, ins Schlafzimmer des Lehrers zu kommen.

So verschleierte Buß sein Treiben. Viele Schüler scheinen gewusst zu haben, was im Schlafzimmer passierte – teils mit mehreren Jungen gleichzeitig. Andere aber hätten von alldem nichts mitbekommen, hat Collister im Nachhinein erfahren. „Er hat da sehr geschickt manövriert, welche Schüler sich begegnen, bei wem er keine Annäherungsversuche macht. Er hat in seinem Tagebuch vermerkt, wer wann da war, mit welchen Eltern er gesprochen hat. Wenn Jungen in die Pubertät kamen, verlor er das Interesse und überlegte, wie er sie los werden konnte.“

Langsam, schleichend habe sich Buß an Jungen herangemacht, erinnert sich Collister. Erst fröhliche Kissenschlachten, „dann kommt das Ranrücken, der erste Körperkontakt. Man gerät in ein Umfeld, in dem das alles normal zu sein scheint. Es ist sehr leicht, ein Kind zu manipulieren – das funktioniert ja heute auch über das Internet“. Zehn bis zwanzig derartige Fälle habe es in jedem Monat gegeben, schätzt Collister. „Er war sehr charismatisch, sehr charmant und sehr intelligent.“

Die Art von Intelligenz des Erich Buß ermöglichte es ihm, die missbrauchten Jungen in einem verschwörerischen Abhängigkeitsverhältnis zu halten. Es gab Geldzuwendungen, es gab aber auch Mitwisserschaft bei kleineren Vergehen wie Ladendiebstahl. Und es gab in einigen schwierigen Fällen massiven Druck.

„Einmal habe ich mitbekommen, dass er einen jungen Mann aufforderte, ihm eine Waffe zu besorgen“, sagt Collister. „Auch in seinem Tagebuch gibt es Hinweise auf Einsatz von Schusswaffen.“ Collister selbst wurde zusammengeschlagen, nachdem er außerhalb der Elly-Heuss-Knapp-Schule – wo auf dem Schulhof gelegentlich hilflose Witze über die Neigungen des Lehrers gerissen wurden – Andeutungen über die Vorgänge bei Buß machte. Wer hinter dem Angriff steckte, blieb unklar.

Collister verließ Darmstadt, wie viele Mitschüler auch. Er habe es dort nicht mehr ausgehalten, sagt er: „Ich kann heute noch nicht über das Heinerfest gehen.“ Er lebt inzwischen in Heidelberg. Im Jahr 2011 gab es ein Klassentreffen. Dabei erfuhren mehrere Schüler erstmals, dass Buß lange nach seiner Pensionierung wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und in der Haftzeit gestorben war. Wenig später gründeten Betroffene die Initiative „Missbrauchte Jungs“ (heute „Verlorene Jungs“).

Notruftelefon für Schüler

Das Anliegen der Initiative: Das jahrzehntelange Schweigen soll gebrochen werden. Das Kultusministerium als Arbeitgeber von Erich Buß stehe in der Pflicht, anhand von Klassenlisten alle Schüler ausfindig zu machen und anzuschreiben. Ein Schuldanerkenntnis wird verlangt, ebenso eine unabhängige Untersuchung der Vorgänge aus den sechziger bis neunziger Jahren. Zudem wird über eine Entschädigungszahlung verhandelt.

Aber die Ziele der Initiative gehen über die eigenen Belange hinaus. Gefordert werden auch ein Notruftelefon für Schüler sowie verbesserte Aufklärungs- und Schulungsmaßnahmen für Lehrkräfte und Beratungsstellen. Dabei, so stellt es sich Collister vor, könnten die Tagebücher des Erich Buß als einmalige Originalquelle zum Vorgehen eines Täters eine große Hilfe sein.

Zwei große Sorgen hat Collister als Sprecher der Initiative. Zum einen, dass nach einem kurzen Aufflammen der Anteilnahme das Interesse am Fall Buß erlahmt. Zum anderen fürchtet er „emotionale Reaktionen mir gegenüber“.

Die Lawine, einmal losgetreten, sei schwer zu kontrollieren. Nicht alle Betroffenen befürworten den Gang an die Öffentlichkeit. Collister selbst sagt, dass er „große Angst“ habe. bad

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