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Der Metzger und der Südpol

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Jochem Dengler reist zum Fotografieren rund um den Globus.
Jochem Dengler reist zum Fotografieren rund um den Globus. © Guido Schiek

Letzte Tage hinter der Wursttheke: Jochem Dengler schließt zum Jahresende sein Geschäft. Damit hat er mehr Zeit für seine Leidenschaft.

Für Jochem Dengler, Kult-Metzger aus Bessungen, ist nun Schluss. Am Mittwoch, 30. Januar, schließt er seinen Laden an der Ecke Heinrich- und Martinstraße. „Als ich 30 war“, sagt Dengler, „habe ich gewusst, mit 60 ist Schicht im Schacht.“ Dengler ist 59.

Was vorausging, ist rasch erzählt: Der Großvater hieß Jakob, war Metzger. Der Vater hieß Jakob, war Metzger. Der Sohn wurde Jochem getauft. Und dennoch Metzger – wenn auch auf Umwegen. Jochem, das Einzelkind, gleitet durch die Schule; den vielseitig Begabten treibt’s zum Studium, Ernährungswissenschaft, was naheliegt. Doch da ist auch das Träumerische. Träume kosten Geld. Und so liegen Lehre, Gesellenprüfung und Meister plötzlich näher als die Alma Mater in Gießen. Also kein Studium.

In der Bombennacht 1944 wurde das Geschäftshaus der Denglers zerstört, wie alles ringsum. Früher Wiederaufbau, schon 1946. Das erste Vater-Sohn-Tandem (Jakob und Jakob) steuert den Betrieb geradewegs ins Wirtschaftswunder (und das, was seinerzeit durchaus wohlwollend „Fresswelle“ genant wurde). Zunächst sind da jene goldenen Jahre, da beliefert man Großbetriebe, Firmenkantinen, auch alle Quelle-Warenhäuser der Gegend. „Mal eben dreitausend Rouladen raus, das war gar nichts“, entsinnt sich Dengler.

Eine Kundschaft, die sich später mehrheitlich verabschiedet. 1986 übernimmt der Junior das Geschäft und dreht es von en gros auf en detail. Und von Massenware auf Qualitätskost aus kontrollierter Aufzucht.

Vergangenes Jahr starb der Vater mit 90 Jahren. „Es war schwierig für alle“, sagt Dengler zu den Tandem-Zeiten, „da musste man viel Toleranz haben.“

Vielleicht hilft dabei das Träumen. Für Dengler heißt das: Weltreisen. Über die Staubpisten Südafrikas poltern. Auf einem russischen Forschungsdampfer an den Südpol treiben. Meist hat Dengler die Kamera dabei. Kaiserpinguine fokussieren, Springspinnen auf Beutezug, Seelöwen an den Galapagosinseln.

Denglers Expeditions- und Tierfotografien zählen weltweit zur Oberklasse, werden abgedruckt in Geo, Stern, National Geographics, gewürdigt mit Preisen vieler Wettbewerbe. Dazu kommt die Beteiligung an internationalen Ausstellungen; zuletzt in China. Und egal ob beim Wurstmachen oder Fotografieren, Dengler versteht sich vor allem als Handwerker: „Was ich mache, das ist keine Kunst.“ (ers)

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