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Der Marktschreier vom Magistrat

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Etwa hundert Bürger interessierten sich für die Schnäppchen aus dem hessischen Fundbüro.
Etwa hundert Bürger interessierten sich für die Schnäppchen aus dem hessischen Fundbüro. © André Hirtz

Bürgermeister Rafael Reißer (CDU) versteigert Fundsachen zugunsten der löchrigen Haushaltskasse. Besonders gerne werden Fahrräder ersteigert.

Löcher stopft man nicht mit Fahrrädern. Aber Haushaltlöcher kann man damit zumindest ein bisschen kleiner machen. Das ist die Idee der Fahrrad- und Fundsachenversteigerung, bei der Bürgermeister Rafael Reißer (CDU) jetzt zum Auktionator wurde. Tatsächlich wurde die Auktion des Fundbüros aus der Not geboren: „Wir müssen alle überlegen, was wir zur Sanierung des defizitären Haushalts beitragen können“, berichtet Simona Schledt-Zahn, Abteilungsleiterin Sicherheitswesen, zu der auch das Fundbüro gehört.

Im vergangenen Jahr hat sich die Stadt daher entschieden, ihre Fundsachen nicht mehr wie bisher etwa an Fahrradwerkstätten oder die Nieder-Ramstädter Heime zu spenden, sondern sie zu versteigern. Zum zweiten Mal kam daher nun allerlei Gefundenes unter den Hammer. „Besonders beliebt sind die Fahrräder“, berichtet Simona Schledt-Zahn. Im Hinterhof des Fundbüros in der Grafenstraße herrscht schon eine halbe Stunde vor Auktionsbeginn Trubel. 34 Räder stehen dort in Reih und Glied: Potenzielle Käufer sitzen Probe, testen Gangschaltungen und Federungen und diskutieren über Alter und Farbgebung der Zweiräder. Dieser Fuhrpark ist das, was in den vergangenen sechs Monaten übrig geblieben ist.

„Etwa 150 Räder werden in diesem Zeitraum insgesamt bei uns abgegeben“, verrät Michael Dick, Mitarbeiter im Fundbüro. Was weder vom Besitzer noch dem Finder – der nach einer Frist von sechs Monaten sein Fundrecht in Anspruch nahmen darf – abgeholt wurde, wird zum Eigentum der Stadt. Und zu deren Problem: „Ich habe hier Platzmangel“, sagt Dick mit Blick auf die dicht an dicht in Doppelreihen geparkten Fahrräder unter dem Wellblechdach nebenan. Dabei merke er deutlich, dass in den letzten Jahren wieder besser auf das eigene Fahrrad aufgepasst wird. „Vor fünf Jahren wurden von zehn Rädern vielleicht zwei wieder abgeholt. Heute im Schnitt 60 Prozent“, schätzt der Mitarbeiter und begründet dies mit den gestiegenen Benzinpreisen und Parkgebühren.

Fahrräder und Bademäntel

Aus diesem Grund will sich auch Frederic Leyh ein neues Fahrrad zulegen. Der Student testet gerade ein Mountainbike – „Stadt- und Land-tauglich!“ –, denn damit will er künftig nicht nur den Weg zur Uni zurücklegen. „Wo es nicht sein muss, will ich nicht unbedingt mit dem Auto hinfahren“, erzählt Leyh. „Das ist ja auch einfach eine Kostenfrage.“ Die leitet Bürgermeister Rafael Reißer hemdsärmelig von den Treppenstufen im Foyer. Nach bester Marktschreier-Manier und mit viel Charme leiert er seinen Bürgern den einen oder anderen Euro zusätzlich aus dem Kreuz: „Nur Bares ist Wahres, das gilt auch bei der Stadt“, verkündet Reißer gleich zu Beginn der Versteigerung. „Eine Großfamilie Schirme“ im Fünferpack bringt er unter diesem Motto ebenso schnell an den Mann wie „Brillen in rauen Mengen“. Und sind die etwa 100 Bieter mal etwas zögerlich mit dem Geldausgeben, veredelt der Bürgermeister das Gefundene kurzerhand zum „Designerstück, zumindest im Ordnungsamt“. Auch eine Rarität findet Reißer – und preist sie an: „Eine Damenhandtasche ohne Inhalt: Das ist ganz selten zu kriegen.“ Ein Großteil der Fundsachen kommt aus dem Jugendstilbad, daher werden tütenweise Schwimmbrillen, Handtücher und Bademäntel versteigert. Als alles unters Volk gebracht ist, bleibt für den Bürgermeister nur noch eine Frage zu klären: Wo ist eigentlich seine Tasche abgeblieben? – Na, am besten mal im Fundbüro fragen! (eda)

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