1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Die letzten Elefanten in der Manege

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Elefanten-Show im Zirkus Charles Knie: „Das Publikum erwartet das“.
Elefanten-Show im Zirkus Charles Knie: „Das Publikum erwartet das“. © dpa

Der Zirkus Knie öffnet am Freitag seine Pforten, er ist mit rund 100 Tieren auf Tournee. Es könnte der letzte Gastauftritt von Elefanten, Seelöwen und Pferden in der Stadt sein. Denn Tierschützer und Stadtverordnete schlagen Alarm wegen Tierquälerei.

Das Zirkuskind. Die angeblich stärkste Frau der Welt, die nur der Liebe wegen Artistin wurde. Der inzwischen alte Mann, der einst als Aufbauhelfer mitreiste – der Zirkus bietet viele Geschichten. In Darmstadt werden sie von einem überlagert: Der Diskussion um Wildtiere in der Manege.

Am Mittwoch hat auf dem Messplatz der Aufbau des Zirkus Knie begonnen. Am Freitag, 26. Oktober, feiert er Premiere. Es ist der 45. Gastspielort in 46 Wochen. Geht es nach den Darmstädter Stadtverordneten, ist dies der letzte Auftritt eines Zirkusses dieser Art: Vor zwei Wochen haben sie einstimmig beschlossen, auf städtischem Gelände in Zukunft keinen Zirkus mit Wildtieren mehr auftreten zu lassen.

Auch die Tierrechtsorganisation Peta mischt sich in die Diskussion ein und wirft dem Zirkus Knie mit seinen hundert Menschen und den hundert Tieren in einer Pressemitteilung eine „tierquälerische Stress-Tournee“ vor. Peta-Zoologe Peter Höffken darf dies nach eigener Aussage auch weiterhin öffentlich behaupten, weil die Staatsanwaltschaft Flensburg am 10. Juli die Ermittlungen wegen einer Strafanzeige des Zirkusses gegen ihn eingestellt hat.

Tiere sind „unverzichtbar“

Tatsächlich ist Darmstadt die 45. und letzte Station des Zirkus Knie vor dem Winterquartier. Zirkussprecher Sascha Grodotzki erklärt seit März, warum Zirkusse auf Tiere angewiesen sind – und ist entsprechend genervt. Tiere seien unverzichtbar, weil „das seit Hunderten von Jahren so ist“, sagt er. Und spult dann die restlichen Argumente ab: „Es gab zuerst den Zirkus ... aus den Menagerien haben sich die Zoos entwickelt ... das Publikum erwartet das ... es kann exotische Tiere hautnah erleben und sie in ihren natürlichen Bewegungsabläufen sehen.“

Grodotzki steht unter Rechtfertigungsdruck und findet das ungerecht. Auf dem Weg zu den beiden Seelöwen, die in ihrem Außenbassin im Viereck schwimmen und immer mal wieder auf den Rand gleiten, um die Besucher zu betrachten, erklärt er, dass die Tierrechtler auf dem Stand von vor fünfzig Jahren diskutierten. Dass er sich eine unabhängige Instanz aus Biologen und Veterinären wünschte, die Zirkusse zertifiziert. Dass es eine Frechheit sei, Zirkus zum Politikum werden zu lassen. Und Peta „hauptberuflich nur das Eine“ mache: Die Philosophie zu verbreiten, dass Tiere nicht in menschliche Obhut gehörten.

Alle Dompteure schlagen zu

Peta macht noch mehr. Die Tierrechtler stellen immer wieder Strafanzeigen, wenn die Elefanten zu lange im Transporter stehen. Und sie provozieren. Alle Dompteure schlügen ihre Schützlinge, das sei systembedingt, sagt Peta-Zoologe Höffken. Tiere gälten als sichere Einnahmequelle, obwohl laut Umfragen zwei Drittel der Bevölkerung im Zirkus darauf verzichten könnten. Sie würden als Statussymbole gehalten. Und, sagt Höffken, es gibt den Spruch „Wenn man selbst nichts kann, müssen die Tiere ran“.

Die drei Elefanten des Zirkusses, ältere Damen in den 40ern, stehen im Stallzelt und fressen Stroh. Sie, die Seelöwen, die Nandus, die Lamas und zwei Antilopen fallen künftig unter den Bann der Darmstädter Stadtverordneten. Ab Freitag sind sie auf dem Messplatz aber noch mal im Einsatz. Für 16 Vorstellungen, zu denen Sascha Grodotzki rund 16.000 bis 20.000 Zuschauer erwartet. „Der Vorverkauf läuft sehr, sehr gut“, sagt er.

Am Freitag um 11 Uhr hat der Berufsverband der Tierlehrer die Stadtverordneten geladen. Ab 15.30 Uhr ist Premiere. Peta hat Proteste angekündigt.

Nach dem Darmstädter Gastspiel kommen die Tiere ins Winterquartier des früheren Zirkus Barum nach Einbeck. Aber nicht für lange: Die Elefanten sind ein Höhepunkt des Weihnachtszirkusses in Heilbronn. Und die Knie-eigenen Tiere bestreiten das Weihnachtsprogramm im Europapark Rust. (rwb.)

Auch interessant

Kommentare