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Lernen, nichts zu tun

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Seit er im Ruhestand ist, hat Meyendorf 15 Menschen am Sterbebett zur Seite gestanden.
Seit er im Ruhestand ist, hat Meyendorf 15 Menschen am Sterbebett zur Seite gestanden. © Claus Völker

Hans-Jürgen Meyendorf begleitet Schwerkranke in den Tod – und wünscht sich mehr Männer im Hospizdienst

Hans-Jürgen Meyendorf ist überzeugt: „Wenn wir die Frauen nicht hätten, gäbe es in Deutschland keinen Hospizdienst.“ Der 67-Jährige ist einer der wenigen Männer, die sich für dieses Ehrenamt entschieden haben. Dabei wird – von schwerkranken Männern wie von Frauen – oft nach einem männlichen Hospizhelfer gefragt. Warum die Männer kneifen, wenn es um das Begleiten eines Schwerkranken in seiner letzten Lebensphase geht, kann der Darmstädter nur mutmaßen. „Vielleicht, weil sich Männer weniger mit Leben und Sterben auseinandersetzen?“

Das hat der langjährige Merck-Verkaufsleiter und ausgebildete Chemotechniker schon vor 25 Jahren getan, als ein Arbeitskollege an Hautkrebs erkrankte. Mit zitternden Knien stand er jedes Mal vor der Wohnungstür des Kollegen – und verließ ihn beruhigt, weil er spürte, wie gut ihm die Zuwendung tat und wie dankbar er ihm für das Zuhören und die geschenkte Zeit war.

Kurse zur Vorbereitung

Meyendorf ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkel. Inzwischen gehört er schon seit viereinhalb Jahren zum Team der Ehrenamtlichen beim Malteser Hilfsdienst, das aus knapp 30 Frauen und – mit ihm – drei Männern besteht.

In dieser Zeit hat er 15 Menschen zwischen Anfang 40 und über 90 Jahren auf ihrem letzten Weg begleitet. An einen seiner ersten Patienten erinnert sich Meyendorf noch genau. Ein über 90 Jahre alter Arzt, der zweimal versucht hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Immer wieder hörte er sich die Lebensgeschichte an, auch die Kriegserinnerung. „Das muss man aushalten können.“

Über die Biografie und den Krankheitszustand eines Patienten wird Meyendorf, der in mehreren Kursen auf seine Aufgabe vorbereitet wurde, vorab informiert. Viele freuen sich auf seinen Besuch, manche wollen ihn gar nicht mehr gehen lassen. Dann muss er sanft darauf hinweisen, dass seine Zeit für heute um ist, er aber bald wiederkommt.

Er hat mit den Kranken geweint, aber auch gelacht und oft den Satz gehört: „Sie sind der Erste, dem ich das erzähle“. Nach Gefühl entscheidet Meyendorf, wie oft er vorbeischaut. Manchmal ist er beim letzten Atemzug dabei und erlebt die Trauer der Angehörigen. Nicht immer geht er auch zur Beerdigung. Denn er begreift seine Gesprächspartner als Menschen, die ihm für eine gewisse Zeit anvertraut wurden, aber weder Angehörige, noch enge Freunde sind.

Da sein und zuhören

„Jede Begleitung ist anders“, sagt er. Der nahende Tod verändere die Menschen nicht unbedingt. Wer viel Liebe erfahren habe, strahle dies auch im Sterben aus. Manche kämpfen bis zum Schluss, andere schlafen friedlich ein. Manche wünschen ein gemeinsames Gebet, andere haben nichts mit Kirche im Sinn.

Was muss ein Hospizhelfer lernen? „Nichts zu machen“, erklärt Meyendorf. Nur da sein, zuhören, keine Lösungen anbieten, keine Ratschläge geben. Er möchte sein Ehrenamt nicht missen. „Ihr bekommt mehr zurück, als ihr geben müsst“, würde er am liebsten all den Männern zurufen, die sich nicht trauen, Hospizhelfer zu werden. ( pyp)

Der Malteser Hilfsdienst ist unter Telefon 06151/22050 zu erreichen. Infos stehen im Netz auf www.hospizdienst. malteser-darmstadt.de.

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