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Die Herkunft vieler Objekte in der zoologischen Abteilung des Landesmuseums Darmstadt ist unbekannt.
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Die Herkunft vieler Objekte in der zoologischen Abteilung des Landesmuseums Darmstadt ist unbekannt.

Darmstadt

Leichenteile im Landesmuseum Darmstadt: Gesichtshäute von Soldaten sollen begraben werden

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Nach vielen Jahren der Ungewissheit steht fest, was mit den sterblichen Überresten zweier französischer Soldaten aus dem Deutsch-Französischen Krieg passieren soll. Sie lagern seit 150 Jahren im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.

Zwei bizarre Objekte der zoologischen Sammlung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt werden demnächst nach Frankreich überführt. Die Gesichtshäute zweier französischer Soldaten sollen auf dem Soldatenfriedhof in Metz begraben werden. Das teilte das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst jetzt auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit.

2017 hatte sich das Landesmuseum an das Ministerium gewandt, um zu klären, was mit den menschlichen Überresten geschehen soll. Angeregt hatte dies Stadtführer Udo Steinbeck, der bei seinen Recherchen auf eine Anekdote gestoßen war, nach der der Darmstädter Naturforscher Johann Jakob Kaup zwei Köpfe von „Turkos“ für seine zoologische Sammlung angefordert haben soll.

Französische Soldaten starben in einem Lazarett in Darmstadt

Die beiden französischen Soldaten, von denen die Köpfe stammten, sollen im damals in der Darmstädter Orangerie eingerichteten Lazarett verstorben sein. Ob an der Geschichte etwas dran sei, könne nicht belegt werden, sagte Jörn Köhler, Zoologe am Landesmuseum, der FR.

Vom Ministerium war zu erfahren, dass trotz Hinzuziehung weiterer Fachwissenschaftler und umfassender Quellenrecherche die Nachforschungen des Landesmuseums keine zusätzlichen Erkenntnisquellen zur Herkunft der Gesichtshäute und der Identität der Personen ergeben haben.

Französische Heeressoldaten stammten vermutlich aus Nordafrika

„Es ist nach wie vor davon auszugehen, dass es sich um Überreste zweier Soldaten des französischen Heeres handelt, die aus Nordafrika stammen und damals als ‚Turkos‘ bezeichnet wurden“, teilte Ministeriumssprecher Volker Schmidt mit.

Es sei nicht einmal klar, ob die Objekte wirklich zur Kaup-Sammlung gehören, da der Sammlungskatalog verloren gegangen sei, so Köhler. Einige Hundert Exponate seien vorhanden, deren Herkunft oftmals unklar sei. Kaup sei sehr rührig gewesen im Tausch und Ankauf von Exponaten.

Landesmuseum Darmstadt: Beschriftete Gläser mit Gesichtshäuten

Den wichtigsten Hinweis gaben demnach die Etiketten auf den olivgrünen undurchsichtigen Gläsern mit Ethanollösung, in denen die Gesichtshäute gelagert sind: „Turkos Kriegsjahr 1870-71“ steht laut Schmidt darauf. Allerdings existierten aus der Zeit keine Regimentslisten, so Köhler. Sie bleiben also namenlos.

„Turkos“ war eine Bezeichnung der von 1842 bis 1964 bestehenden algerischen und tunesischen Schützenregimenter des französischen Heeres. In vielen deutschen Museen und Sammlungen lagern laut Deutschem Museumsbund menschliche Überreste aus der ganzen Welt. Es finden sich Schrumpfköpfe, Mumien oder Skelettteile.

Kontaktaufnahme zwischen Berlin und Paris

Für den Umgang damit hat der Museumsbund klare Empfehlungen und ethische Richtlinien aufgestellt. Demnach sind die Umstände des Todes, des Erwerbs und bei Gegenständen auch deren Entstehung rechtlich und ethisch zu bewerten. „Erscheinen diese Umstände als besonders problematisch, raten die Empfehlungen zu erhöhter Sensibilität“, heißt es. Als besonders problematisch gelte es, wenn der Person Unrecht angetan wurde.

Der vorliegende Fall zeige, welchen hohen gesellschaftlichen Bedarf es an Transparenz gebe und wie arbeitsintensiv und schwierig die Lösungsfindungen seien, so Schmidt. Eingebunden waren nicht nur Landesmuseum und Wissenschaftsministerium, sondern auch die Berliner Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Auf deren Empfehlung hin wurde das Auswärtige Amt eingebunden, um mit der französischen Regierung als einzig ermittelbarem Herkunftsstaat Kontakt aufzunehmen.

Frankreich will die Gesichtshäute aus Darmstadt würdig beisetzen

Nach dortigen Beratungen empfahl die französische Regierung die Überführung der menschlichen Überreste nach Frankreich, um sie „auf würdige Weise zu beerdigen“. Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) wird auf Antrag der FDP an diesem Donnerstag im Landtagsausschuss über den Fall berichten.

Die Landesregierung hatte jüngst erstmals Finanzmittel in Höhe von 500.000 Euro für die Provenienzforschung in Hessen bereitgestellt. Damit soll unter anderem eine eigene Beratungsstelle des Hessischen Museumsverbands unterstützt werden.

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