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Leben nach der Flucht

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Bei der Interkulturellen Woche sprach die 17-Jährige  über ihre Erlebnisse.
Bei der Interkulturellen Woche sprach die 17-Jährige über ihre Erlebnisse. © Günther Jockel

Von ihrem Vater fehlt in Afghanistan jede Spur. Mit ihrer Mutter und den Schwestern gelang die Flucht nach Pakistan. Die Taliban wollten nicht, dass ihre Mutter Mädchen Lesen und Schreiben lehrt. Die 17-jährige Khatera Taymuree berichtet aus dem Leben in dem kriegsgeschüttelten Land.

Ihr Großvater wurde 1992 bei Kämpfen getötet. Ihr älterer Bruder kam ein Jahr später bei einem Raketenangriff ums Leben. Wenn Khatera Taymuree von dem Tod ihrer Familienmitglieder spricht, klingt das ganz ruhig und sachlich – so, als sei es nicht ihre eigene, bewegende Geschichte aus ihrer Heimat Afghanistan, die die 17-jährige Gymnasiastin der Schule auf der Aue in Münster im Veranstaltungsraum der Seniorenwohnanlage erzählt.

Familie Taymuree musste aus Kabul fliehen, weil die Taliban erfahren hatten, dass Mutter Mariam Mädchen heimlich im Schneidern unterrichtete und ihnen nebenbei Lesen und Schreiben beibrachte – für das islamistische Regime untolerierbar. Das Haus der Familie wurde gestürmt, die Mutter in Haft genommen. Der Vater konnte sie gegen eine Kaution freikaufen, doch stattdessen wurde er festgehalten. Nur der Mutter und den vier Kindern gelang die Flucht versteckt in einem Minibus nach Pakistan und von dort aus nach Deutschland. Seitdem wohnen die Taymurees in Eppertshausen – und vom Vater fehlt bis heute jede Spur.

Kein Kontakt zum Vater

„Wir hoffen natürlich immer noch, dass wir eines Tages Kontakt mit ihm aufnehmen können“, sagt Khatera, während auf der Leinwand hinter ihr alte Bilder aus glücklichen Familientagen aufflackern – Hochzeitsbilder ihrer Eltern, Fotos von sich und ihren Brüdern als Kleinkinder in Kabuls Straßen. „Aber bisher sind alle Versuche erfolglos geblieben.“ Nicht nur ihre Mutter Mariam, die im Publikum sitzt, ist in diesem Augenblick tief bewegt.

Die rund 20 Zuschauer sind ganz still geworden und betrachten betreten, aber zugleich zutiefst verwundert über den Mut dieses Mädchens die Bilder auf der Leinwand.

Mit „Afghanistan – Land und Kultur“ war die Veranstaltung überschrieben, zu der Hülya Lehr vom SPD-Ortsverein Münster während der Interkulturellen Woche eingeladen hatte. Ziel war es, das „Füreinander-Einstehen zu betonen und sozialer Ausgrenzung eine Absage zu erteilen.“

In Zeiten scharfer Integrations-Debatten ist die Geschichte der Familie Taymuree dabei geradezu ein Paradebeispiel für gelungene gesellschaftliche Eingliederung. „Die Familie hat sich direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland in die Gesellschaft eingebracht: in Kindergärten, Schulen und ins Arbeitsleben. Außerdem haben sie auch schon aus ihrer Heimat Bildung mitgebracht – die beste Voraussetzung, hier daran anzuknüpfen“, sagt Carmen Zimmer vom Integrationsbüro.

Rückkehr ist unmöglich

Der Abend klingt mit Diskussionen bei afghanischem Schwarztee, selbst gemachtem Naan-Brot und Panir-Käse aus. Die kulinarische Tradition ist mit das einzige, was der Familie aus ihrer Heimat noch geblieben ist. Eine Rückkehr ist für sie unmöglich. „Wir würden wahrscheinlich sofort verhaftet“, erklärt Khatera, die so viel erwachsener wirkt als 17.

Dafür ergreifen die Taymurees in ihrer neuen Heimat Deutschland alle Chancen, die sich ihnen bieten. Der ältere Bruder hat gerade sein Studium begonnen, ein weiterer Bruder ist auf der gymnasialen Oberstufe, und auch Khatera hat eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft: „Ich mache Abitur und will danach Wirtschaftswissenschaft studieren.“ ( eda)

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