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Rolf Müller lebt im Wohnwagen auf dem Campingplatz am Worfelder Bachgrund.

Büttelborn

Leben, wo andere Urlaub machen

Camper Rolf Müller hat am Worfelder Bachgrund sein Zuhause gefunden.

Wenn Rolf Müller auf seiner weißen Gartenbank vor dem Wohnwagen mit ausgebautem Vorzelt sitzt, kann er den Blick auf seinen selbst angelegten Teich genießen. Dauercamper-Romantik? Ein bisschen.

Rolf Müller lebt seit sieben Jahren auf dem Campingplatz „Bachgrund“ in Worfelden. Er ist einer von 13 Bewohnern, die dort ihren Wohnsitz haben, ganz offiziell behördlich gemeldet sind. Mehr als 100 000 Menschen leben in Deutschland schätzungsweise ganzjährig – mit oder ohne Registrierung – auf Campingplätzen. Vor allem ältere Menschen, wie eine wissenschaftliche Untersuchung von 2014 zeigt (Paul Neupert: Leben im Caravan – Campingplatz-Dauerwohnen als neue prekäre Wohnform in Deutschland). Und das Interesse steigt. Diese Beobachtung hat auch Heinz Sandner gemacht, der Verwalter des Campinglatzes. Er hat jüngst fünf Interessenten abgewiesen, weil noch nicht abschließend geklärt ist, wie die bauliche Situation von den Behörden beurteilt wird.

Für viele ist das Dasein als Dauercamper aus der Not heraus geboren. Es ist eine der kostengünstigsten Möglichkeiten, um ein festes Dach über dem Kopf zu haben. 87 Euro fallen in Worfelden im Monat an für die Parzelle mit 130 Quadratmetern, ohne Strom und Gas. Ja nach Verbrauch können 50 bis 100 Euro dazukommen. Die Sommergäste bezahlen 23 Euro weniger. Sie sind ja nur ein halbes Jahr da, deshalb die geringeren Nebenkosten, rechnet Sandner vor. Im Winter wird das Wasser abgestellt, damit die Rohre nicht einfrieren. „Dann ist der 20-Liter-Kanister im Einsatz“, erklärt Müller. Fließend Wasser gibt es nur im Sanitärgebäude 150 Meter entfernt.

Trotz solcher Einschränkungen bezeichnet Müller das Leben auf dem Campingplatz als Traum. Er gibt allerdings zu, dass er sich das früher auch nicht vorstellen konnte. Müller redet nicht viel und auch nicht gern über die Vergangenheit, zumindest nicht über den unangenehmen Teil. Scheidung, Jobverlust wegen Krankheit, mit 58 zu alt für den Arbeitsmarkt, und irgendwann ist er dann auf einem Campingplatz gelandet. Zuerst in Lorsch, später in Worfelden.

130 Quadratmeter für 87 Euro pro Monat

In einer Wohnung zu leben kommt für Müller heute nicht mehr in Frage. „Das könnte ich mir nur vorstellen, wenn die Gesundheit nicht mehr mitspielt“, sagt der gebürtige Sauerländer und steckt sich eine selbstgestopfte Zigarette an. Oder wenn die Gemeinde entscheiden würde, dass Bauten wie beispielsweise sein Vorzelt illegal wären. Er hat die Wände und das Dach isoliert und richtige Fenster mit Holzrahmen eingebaut. So sind auch strengere Winter erträglich.

Bei den aktuell milden Temperaturen reicht sein Gasherd als Heizung des Vorzelts, das Küche und Wohnzimmer in einem ist. Ausgestattet mit PC, Drucker, einem Fernseher und einem großen Ofen für richtig kalte Tage, bietet der Raum alles, was Müller braucht. Das aufgeben zu müssen, wäre ein echtes Problem. Für ihn und für Kater Felix. Deshalb hofft er, dass alles so bleibt wie bisher.

Im Wohnwagen ist das Schlafzimmer untergebracht. Zusammen mit dem Vorzelt ergibt das 25 Quadratmeter Eigenheim. Das reiche für ihn allein, sagt Müller. Trotzdem ist er der „Großgrundbesitzer“ auf dem Campingplatz, kann inzwischen drei weitere Wohnwagen direkt daneben sein Eigen nennen – als Gästezimmer für die Tochter und die beiden Enkelkinder, die im Sommer regelmäßig zu Besuch kommen. Außerdem könne er so sicher sein, keine unliebsamen Nachbarn zu bekommen. Obwohl sich alle untereinander meist recht gut verstehen, wie er versichert. Jeder kennt jeden, und auch die Freizeitcamper seien froh, dass während ihrer Abwesenheit im Winter jemand ein Auge auf ihre Wohnwagen habe.

Einsamkeit empfindet Müller nicht, wenn für die meisten der 50 Pächter ein paar Monate lang die Campingsaison beendet ist. Und auch die Weihnachtszeit macht ihm nicht zu schaffen. Im Gegenteil: „Man lernt das zu schätzen. Die Ruhe, die Freiheit. Eine Winterdepression kriege ich jedenfalls nicht.“ In den ersten Jahren war das schwieriger, gibt er zu.

Und Langeweile? Dagegen kann man etwas tun. Müller möchte noch einen der vier Wohnwagen ausbauen. Und hat immer in seinem Garten zu tun. Dort wachsen Zitronen und Weintrauben. Rasen und Teich brauchen Pflege. Und ab und zu setzt man sich mit anderen bei einem Bierchen zusammen, grillt, quatscht oder schaut Formel 1. „Ich verpasse kein Rennen, das ist mir heilig“, sagt Vettel-Fan Müller. Auch Silvester werde er „mit ein paar Mann zusammen feiern“. Klingt ein bisschen nach Dauercamper-Romantik. mirk

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