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Der kurze Weg auf die Straße

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Für die Jugendlichen war der Besuch des Obdachlosenheims eine neue Erfahrung.
Für die Jugendlichen war der Besuch des Obdachlosenheims eine neue Erfahrung. © Alexander Heimann

Konfirmanden aus Worfelden treffen Obdachlose, um sie über ihr Leben zu befragen.

Obdachlosigkeit kann jeden treffen, wenn Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Scheidung und Überschuldung zusammenkommen. Diese Erkenntnis haben 16 Konfirmanden aus Worfelden mitgenommen, als sie mit Pfarrer Richard Luh und Helga Bausch vom Kirchenvorstand im Übernachtungs- und Wohnheim des Diakonischen Werks mit Bewohnern sprachen und sich in den Räumlichkeiten in der Groß-Gerauer Schützenstraße umschauten.

Als die Jugendlichen im Hof der Einrichtung vier Obdachlosen gegenüberstehen, fällt es ihnen schwer, den Männern Fragen zu stellen. So ist es von Vorteil, dass ihre Gesprächspartner bereitwillig von sich aus über ihre Situation informierten.

Der 74 Jahre alte Bernd etwa stellt sich als jemand vor, der es mithilfe der Diakonie von der Obdachlosigkeit in eine eigene Wohnung geschafft hat. Alkoholiker sei er gewesen, aber Alkohol löse keine Probleme, im Gegenteil, mahnt er die Jugendlichen. Er habe es trotz seiner Sucht immer wieder geschafft, zu arbeiten. Manch andere wollten jedoch nicht arbeiten und seien mit ihrem Leben „auf der Platte“ zufrieden, gibt er zu bedenken.

Bernd sei eine „Institution“ im Obdachlosenheim und komme noch immer regelmäßig zu den Mahlzeiten ins Haus, berichtet Sozialarbeiter Eberhard Paes. Ein anderer, 56 Jahre alter Mann erzählt, er sei seit einem Jahr obdachlos. Nachdem dem selbständigen Ingenieur die Aufträge ausgeblieben waren, musste er seine Wohnung aufgeben, lebte zunächst auf dem Campingplatz, dann im Auto und auf Flughäfen. „Flaschensammeln hat mir das Leben gerettet“, sagt er.

Eindrucksvoll schildert der 22 Jahre alte Patrick seine Situation: Nach dem Schulabschluss kam er mit 17 Jahren mit Drogen in Berührung, dealte selbst, verlor den Kontakt zu seiner Familie, wurde straffällig und fiel so schließlich immer tiefer. Inzwischen sei er zwar „clean“, aber noch nicht so weit, sich um eine Ausbildung kümmern zu können, sagt er.

Wohnungsmarkt für viele eine Hürde

Falls er etwas ändern wolle, sei der erste Schritt, sich um eine Wohnung im Wohnheim zu bemühen, erklärt Klaus Engelberty, Regionalleiter des Diakonischen Werks. Wer den Ausstieg wagen will, kann eines der elf Apartments beziehen und sich um eine Arbeitsstelle bemühen. Jedes halbe Jahr werde die Berechtigung neu überprüft, informiert Paes.

Die Einrichtung bietet 18 Übernachtungsplätze, wobei die Obdachlosen 14 Tage in Einrichtungen innerhalb des Kreises übernachten dürfen. Ausnahmen gebe es bei Krankheit oder Kälte. Die Bewohner können sich innerhalb der Einrichtung mit Ein-Euro-Jobs wie Renovierungsarbeiten, Putz- oder Küchendiensten der Arbeitswelt annähern. Die Mitarbeiter könnten motivierend einwirken, aber letztlich liege es an den Betroffenen selbst, ihre Situation zu verändern, sagt Engelberty.

Als weitere Hürde bezeichnet er den angespannten Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet. Hinzu komme, sagt Verwaltungsmitarbeiter Aram Lufft, dass es für ungelernte Kräfte kaum Jobs gebe und Arbeitgeber nur selten gewillt seien, Obdachlose langsam in den Arbeitsprozess einzugliedern. „Von Null auf 100, das ist schwierig, zumal manche auch depressiv sind“, so Lufft. „Wir sollten Obdachlosen die gleiche Willkommenskultur wie Flüchtlingen entgegenbringen“, meint der Worfelder Pfarrer Richard Luh. Obdachlose hätten keine Lobby. Aktuell lebten in Deutschland rund 500 000 Menschen auf der Straße. „Das ist ein Skandal für die Gesellschaft.“

Als Pfarrer erlebe er es vier bis fünf Mal in der Woche, dass Obdachlose an seine Tür klopfen. Neben einem kleinen Geldbetrag schenkt Luh diesen Menschen Zeit für ein Gespräch, denn es tue ihnen gut, wenn jemand zuhöre und sie wahrnehme. Um die Arbeit des Diakonischen Werks zu unterstützen, überbrachten Richard Luh und Helga Bausch 500 Euro aus den Kollekten der Waldweihnacht sowie des Valentinsgottesdiensts. (eda)

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