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Kulturzentrum wird Kraftakt

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Die Macher Alper Sepik und Juan Gravalos in ihrem neuen Kulturzentrum „Kurzweil“.
Die Macher Alper Sepik und Juan Gravalos in ihrem neuen Kulturzentrum „Kurzweil“. © Guido Schiek

Mit der "Galerie Kurzweil" hat in Darmstadt ein neues Kulturzentrum eröffnet. Die Betreiber sehen dieses aber nicht als bloßen Tanzklub an. Vielmehr sollen hier auch Künstler ausstellen, Musiker auftreten oder Studenten Arbeiten präsentieren.

Darmstadt ist seit dem Wochenende um einen Ausgeh-Ort reicher: Die „Galerie Kurzweil“ auf dem Güterbahnhofgelände in der Bismarckstraße will nicht nur Tanzklub sein, sondern Kulturzentrum. Ein Hauch Bierdunst kommt einem am Eingang entgegen, der Duft von Party und Abenteuer. Doch hinter der alten Schwingtür riecht es wohlig nach Holzfeuer, das in einem Gussofen im Foyer vor sich hinbollert. Vorbei an alten Sofas und abstruser Kunst geht es durch eine weitere Doppelschwingtür mitten hinein ins Herzstück der „Galerie Kurzweil“: Ein Klubraum zum Abtanzen, Ausstellen, Ausgehen.

Alper Sepik (32) und Juan Gravalos (39) sind ziemlich groggy – was nicht verwundert angesichts des Kraftakts, der hinter den beiden Betreibern liegt. Und damit ist nicht in erster Linie die rappelvolle Vernissage für die „Unwort-des-Jahres“-Fotoausstellung gemeint, die ihre erste offizielle Veranstaltung war. „War echt mega“, freut sich Sepik am Tag drauf. Zufrieden ist er nicht nur mit den mehreren Hundert Gästen. Die Kooperation von Kunst und Musik ist exakt das, was sie hier pflegen wollen.

Als bloßen Tanzklub begreifen sie sich nicht. „Wir sehen uns eher als Kulturzentrum.“ Die samstäglichen Tanzpartys mit namhaften Diskjockeys aus den Stilrichtungen House, Funk oder Disko sollen helfen, das nichtkommerzielle Projekt zu finanzieren. Ansonsten will „Kurzweil“ ein Ort sein, wo Künstler ausstellen, Musiker auftreten oder Studenten Arbeiten präsentieren.

Miete zahlen müssen sie nicht, verlangt wird lediglich ein Obolus für Reinigung und Energieverbrauch. „Wir wollen der urbanen Szene ein Forum bieten“, sagen sie und sehen sich da auch in einer Darmstädter Tradition: Nach der Schließung des 603qm, des „Blumen“ und nicht zuletzt des Cafés Kesselhaus vor 15 Jahren sei ein Vakuum entstanden, was alternative Klubkultur angeht.

Nach ersten Gehversuchen in einer alten Schenckhalle, wo sie von Juni bis Dezember 2013 eher inoffiziell, aber in der Szene erfolgreich einen Klub betrieben, haben sie Blut geleckt. Und wurden auf den leerstehenden Industriebau am alten Güterbahnhof in der Bismarckstraße aufmerksam.

Anderthalb Jahre Arbeit

„Geschliffen, lackiert, geschliffen, lackiert“: So kommentiert Juan Gravalos etliche von ihnen bearbeitete Objekte – von dem alten Waschbecken in der Damentoilette bis zum strahlend weißen Diskjockeypult, das eine Verkaufstheke in einem Klamottenladen war. Denn die „Galerie Kurzweil“ ist auch dies: ein Musterbeispiel für bauliches Recycling und Einrichtungs-Zweitverwertung.

Die Theke haben die Galeristen aus Holzresten zusammengebastelt, die sie in den Bahnräumen für Frachtabfertigung herausgerissen hatten. Die Fußablagen sind Heizungsrohre von dort. Die alten Schwimmbadfliesen in den Toiletten sind gespendete Reste von einem Fachbetrieb, viele Möbel stammen von geschlossenen Klubs wie dem Stella oder dem „Blumen“.

Anderthalb Jahre haben sie neben ihren Vollzeitjobs – Sepik ist Mechatroniker, Gravalos Vertriebsleiter bei einem Limohersteller – nahezu jede freie Minute für Auf- und Umbau investiert. Mit Spenden allein war das nicht zu machen, allein für die Akustik mit dem Anspruch „Klangperfektion“ musste jede Menge Profidämmung her. „Wir haben unsere kompletten Ersparnisse reingesteckt“, sagt Gravalos, der über sich selbst lachen muss. „Eigentlich verrückt.“ Zu ihrer Machermentalität passt, dass sie keinerlei öffentliche Förderung wollen. „Wir wollen unabhängig sein.“

Der Einsatz hat sich gelohnt. Herausgekommen ist ein stilvoller Kulturort, dem man die zurückliegenden Bastelstunden nicht ansieht. Und der schon jetzt nachgefragt ist. An die Tür geklopft haben laut Sepik und Gravalos bereits Fotografen, Bands oder die Akademie für Tonkunst – zur Freude der Macher: „Das geht genau in die Richtung, die wir wollen.“ (aw)

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