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Enthüllung am Leibgardistendenkmal: OB Jochen Partsch, Projektleiter Jens Ivo Engels von der TU und Peter-Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, daneben Projektbearbeiter Ingo Eser (v.l.).
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Enthüllung am Leibgardistendenkmal: OB Jochen Partsch, Projektleiter Jens Ivo Engels von der TU und Peter-Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, daneben Projektbearbeiter Ingo Eser (v.l.).

Darmstadt

Darmstadt: Stadt will klären, ob Darmstädter Wehrmachtssoldaten Kriegsverbrechen begangen haben

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Stadt und TU Darmstadt untersuchen Vorwürfe gegen das Darmstädter Regiment 115. Eine Infotafel am Leibgardistendenkmal informiert über das neue Forschungsprojekt. Kritik kommt von Bündnis gegen Rechts.

Das Leibgardistendenkmal – ein von Lanzen aufgespießter bronzener Löwe, der abseits des Friedensplatzes steht – sorgt in Darmstadt seit Jahren für Diskussionen. Während die Kameradschaft der Leibgardisten dort alljährlich der Gefallenen gedenkt, fordert das Bündnis gegen Rechts, dass die Stadt endlich Infotafeln anbringen soll, die auf die von Darmstädter Soldaten begangenen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg hinweisen. In einem Buch, das Mitglieder des Bündnisses gemeinsam mit dem Hamburger Historiker Hannes Heer 2018 veröffentlicht haben, legen sie dar, wie Angehörige des Darmstädter Schützenregiments 115 unter Rommel in Afrika kämpften, in Italien zum Einsatz kamen und an der Ostfront eingesetzt wurden. Alle genannten Einheiten seien an den Verbrechen der Wehrmacht beteiligt, wie zahllose Dokumente belegten, schreiben sie.

Doch so einfach ist die Sache nicht, findet die Stadt und hat ein eigenes Forschungsprojekt gemeinsam mit der Technischen Universität (TU) Darmstadt und dem Deutschen Polen-Institut ins Leben gerufen. Es soll zwei Jahre laufen. „Wir wollen das aufarbeiten“, sagte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) am Donnerstag bei der Enthüllung einer ersten Infotafel am Denkmal, die über das Projekt informiert. Aber es sei „wichtig, akribisch vorzugehen und verschiedene Seiten zu betrachten“. Es gebe bereits „Vorarbeiten“.

Stadt will Nazi-Vergangenheit aufarbeiten

Mit der historischen Aufarbeitung ihrer Nazi-Vergangenheit hat die Stadt bereits Erfahrung: 2014 wurden die Ehrengräber beleuchtet und teilweise aberkannt, wenn eine Nähe zum Nationalsozialismus erwiesen wurde, und 2019 widmete man sich Straßennamen – unter anderem der Hindenburgstraße – und beschloss die Umbenennung von acht Straßen in der Stadt. Dass die Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen habe, sei unstrittig, sagte OB Partsch. Jedoch müsse nachgewiesen sein, dass daran Darmstädter Soldaten beteiligt waren, bevor man eine entsprechende Tafel anbringe.

Die Leibgardisten

1621 stellte Landgraf Ludwig V. die „Kompanie Dressler“ auf. Dieses Datum gilt als das Gründungsjahr der Leibgardisten. Die Bezeichnung geht auf das „Leibgarde-Infanterie-Regiment (1. Großherzoglich Hessisches) Nr. 115“ zurück, das von 1872 bis 1919 bestand.

Leibgardisten kämpften unter verschiedenen Bezeichnungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Unter anderem als Infanterie-Regiment 115.

Das Löwendenkmal wurde 1928 zu Ehren der Gefallenen des Darmstädter Leibgarde-Regiments 115 aufgestellt.

1958 wurden zum Gedächtnis an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs die Schlachtorte 1939 - 1945 eingemeißelt: Kiew, Bjelgorod oder Stalingrad. Diese stehen für den deutschen Genozid an den slawischen Völkern. cka

Es soll deswegen demnächst einen Aufruf an Bürgerinnen und Bürger gestartet werden, ob sie noch Feldpost, Tagebücher oder Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg zur Verfügung stellen können, sagte Projektbearbeiter Ingo Eser. Man wolle detaillierter als Historiker Heer, der sich vor allem auf Divisionen bezogen habe, auf die kleinere Einheit des Infanterieregiments eingehen. Dies sei nicht einfach, da viele Dokumente zerstört wurden.

Orte von Kriegsverbrechen am Denkmal eingemeißelt

Peter-Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts und neben Jens Ivo Engels von der TU einer der Projektleiter, sagte, es könne nicht sein, dass Orte möglicher Kriegsverbrechen unhinterfragt in der Öffentlichkeit präsentiert würden wie am Leibgardistendenkmal. Das Projekt könne Ausgangspunkt für weitere Forschungen sein.

Kritik kam von Renate Dreesen, Mitautorin des Buches zum Leibgardisten-Denkmal und Mitglied im Bündnis gegen Rechts: Ihre Arbeit werde herabgewürdigt, indem man nicht einmal das Gespräch gesucht habe. „Ich kann nicht akzeptieren, wie ehrenamtliche kontra professionelle Forschung gestellt wird.“ Zudem habe ihre Initiative als erste die Gedenktafeln gefordert.

OB Partsch räumte ein, dass ihre zivilgesellschaftliche Arbeit der Sache Nachdruck verliehen hätte. Das Bündnis hatte sich auch für die Umbenennung der Hindenburgstraße stark gemacht. Auch hier habe man aber die Thematik auf eine andere Basis gestellt, so Partsch.

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