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Kreis will Praxen kaufen

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Auch die Praxis von Facharzt Albrecht Doerr aus Ober-Ramstadt soll aufgekauft werden.
Auch die Praxis von Facharzt Albrecht Doerr aus Ober-Ramstadt soll aufgekauft werden. © Karl-Heinz Bärtl

Die ärztliche Versorgung droht in Südhessen und Darmstadt-Dieburg auszubluten. Daher beabsichtigt die Kreisspitze, einen teuren Schritt nach vorn zu gehen, hinein in öffentlich betriebene Haus- und Facharztpraxen unter dem Dach von Medizinischen Versorgungszentren.

Immer öfter werden – besonders in ländlichen Regionen – Patienten freundlich, aber entschieden abgewiesen. „Tut mir leid, wir nehmen keine Patienten mehr auf, versuchen Sie es doch mal bei einem anderen Hausarzt“, heißt es dann. Immer schwerer fällt es zugleich alten Medizinern, selbst gut laufende Praxen einem jungen Kollegen zu verkaufen. Kliniken versuchen verstärkt, lukrative Facharztsitze aus dem Umland aufzukaufen und so zu sich zu ziehen.

Die ärztliche Versorgung droht auch in Südhessen und Darmstadt-Dieburg auszubluten. Vor diesem Hintergrund beabsichtigt die Kreisspitze, einen mutigen und teuren Schritt nach vorn zu gehen, hinein in öffentlich betriebene Haus- und Facharztpraxen unter dem Dach von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Eine erste Diskussion hierzu gab es nun im Haupt- und Finanzausschuss des Kreisparlaments in Kranichstein.

Anders als vor sieben Jahren, als der damalige Klinikdezernent Klaus Peter Schellhaas (SPD) mit seinem Vorstoß für ein MVZ in Reinheim juristisch und politisch gescheitert war, stehen jetzt alle Signale auf Grün für ein MVZ in Ober-Ramstadt.

„Ober-Ramstadt, weil dort der Rahmen passt, weil dort bereits Haus- und Fachärzte unter einem Dach arbeiten, eine der drei Hausarztstellen zu besetzen ist und alle – mit dem Bürgermeister – gemeinsam an uns herangetreten sind“, erläuterte Schellhaas. „Es wird aber danach auch um Babenhausen, Reinheim, Fischbachtal, Eppertshausen, Gundernhausen und andere Orte gehen“, fügte der Landrat hinzu, auch mit Blick auf die CDU-Opposition.

Die hatte nämlich, in Person des Eppertshäuser Bürgermeisters Carsten Helfmann, darauf hingewiesen, dass für einen solchen Schritt – den Einstieg des Kreises in die ambulante Medizin – ein Konzept fehle. „In Ober-Ramstadt passt es nun durch Zufall. Ob die vorgesehenen 400 000 Euro für den Ankauf der Praxis der richtige Betrag ist, ist für uns nicht ersichtlich“, so Helfmann. „Wie soll es dann weitergehen, was ist der Weg? Wie viel wird für eine kreisweite MVZ-Struktur ausgegeben: 1,5 Millionen, zwei Millionen, 2,5 Millionen Euro?“ Antworten hierauf fehlen bislang.

Dennoch müsse der Kreis nun handeln und die Chance nutzen, betonte Landrat Schellhaas. „Denn es geht nicht nur um die Hausarztversorgung und um Patientenströme von einem MVZ in unsere Kreiskliniken. Frei werdende Facharztsitze im Umland werden von Kliniken in der Region aggressivst aufgekauft; einen entsprechenden Versuch aus Darmstadt gibt es auch in Ober-Ramstadt. Doch wir wollen und werden die Arztsitze bei uns im Kreis und in Ober-Ramstadt behalten“, betonte Schellhaas.

Galionsfigur gegen Pläne des Kreises

Dieser MVZ-Vorstoß sei mit dem Klinikum Darmstadt abgesprochen, erläutert Kreisklinikenchef Christian Keller auf Nachfrage. Sein Vertrag mit dem Kreis wurde erst vor wenigen Tagen für weitere fünf Jahre verlängert. „Auch das Klinikum Darmstadt betreibt ein MVZ, wie viele Krankenhäuser.“ Wenn Kreiskliniken und Klinikum fusionieren, werde es in der dann neuen Gesellschaftsform auch das passende Dach für die MVZ geben.

Kreis-FDP-Politiker Klaus-Jürgen Hoffie war vor sieben Jahren die Gallionsfigur im Kampf gegen die MVZ-Pläne des Kreises und brachte das gesamte Projekt mit zum Scheitern. Inzwischen hat sich die Rechtslage in der EU ebenso geändert wie die ärztliche Versorgung auf dem Land. Und so stellte der einstige MVZ-Kritiker im Ausschuss nur eine, wenn auch bohrende Frage: „Treten wir dann auch künftig in Kaufwettbewerb um Facharztsitze gegenüber mitbietenden Kliniken auf?“ (piz)

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