1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Die Konsequenzen nicht bedacht

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bewahr die Ruhe und mach weiter. Damit halten es auch Briten in Darmstadt.
Bewahr die Ruhe und mach weiter. Damit halten es auch Briten in Darmstadt. © dpa

Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU beschäftigt auch jene Briten, die in Darmstadt leben. So mancher äußert sich enttäuscht und besorgt.

Das britische Nein zur Europäischen Union bringt die Börsen in Aufruhr und macht viele Menschen ratlos. Wie soll es weitergehen? Diese Frage beschäftigt auch viele Briten, die seit Jahren in Darmstadt leben. Eine Umfrage zum Brexit-Votum.

„Es ist sehr traurig“, sagt Carolyn Smith vom Lollipop-House, einer englischsprachigen Kinderspielgruppe in Eberstadt. Carolyn Smith kommt aus Nottingham und lebt seit 2002 mit ihrem Mann in Darmstadt. Der Brexit, so die Britin, werde Konsequenzen haben, da ist sie sich sicher – und das macht ihr auch Sorgen. „Ich kann im Moment noch gar nicht absehen, was als nächstes passieren wird.“

Enttäuscht über das Brexit-Votum ist Chris Pepper. Er wurde in Eastbourne in Südengland geboren und lebt seit 1988 in Deutschland. Die Darmstädter kennen ihn als Whiskykoch. Gemeinsam mit seiner Frau bietet er seit 2010 in Bessungen nicht nur Hochprozentiges an, sondern kocht auch passende Gerichte und lädt zum Dinner ein. Pepper macht sich Sorgen, dass die Preise für Whisky und andere britische Produkte im Handel kräftig steigen werden. „Ich hoffe, dass es gut geht“, sagt er. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Schließlich sei der Brexit ein Problem, das von ganz Europa getragen werden müsse. Sein Fazit: „Abwarten und optimistisch bleiben.“

Am Tresen der „MALTbar“ in der Rheinstraße wird in den nächsten Tagen und Wochen der Brexit wohl das Gesprächsthema sein. Barinhaber Dirk James Römer hat eigentlich damit gerechnet, dass die Briten in der EU bleiben. Der gebürtige Schotte – er lebt seit 20 Jahren in Deutschland und seit zehn Jahren in Darmstadt – kann sich gut vorstellen, dass der Brexit dazu führt, dass Schottland in ein oder zwei Jahren erneut über die Unabhängigkeit abstimmt. „Das könnte diesmal positiv ausgehen“, sagt Römer.

Importe nach Deutschland teurer

Dies hänge auch davon ab, was auf EU-Ebene verhandelt werde. Der Barchef geht aber auf jeden Fall davon aus, dass mit dem Wegfall eines EU-Binnenmarktes die Zölle steigen und damit die Importe nach Deutschland teurer werden. „Derzeit kann man zwar aufgrund des Kursverfalles des Pfunds günstig einkaufen, aber das wird sich wieder geben.“

Die Engländerin Chris Comtesse reagiert geschockt: „Ich weiß noch nicht, was das für mich und meine Arbeit bedeutet.“ Die 54 Jahre alte Choreografin und Ballettmeisterin lebt seit 1988 in Deutschland. Von 2006 bis 2014 arbeitete sie am Staatstheater, seither freiberuflich. Sie bedauert vor allem, dass sie nicht mitabstimmen durfte. „Ich bin Europäerin mit britischem Pass, lebe aber in einer Grauzone.“

Nach ihrer Einschätzung wird es wohl bald in Schottland einen erneuten Vorstoß zur Unabhängigkeit geben, vielleicht auch in Nordirland. Comtesse, die sich intensiv durch die Sendungen der BBC über die Diskussionen in ihrer Heimat informiert hat, wirft den Brexit-Befürwortern bewusste Vereinfachungen vor: „Sie haben immer nur geschildert, was durch einen EU-Austritt besser werde, aber nicht, was schlechter. Sie haben zudem keinen Plan, wie es weiter gehen soll.“ Die meisten Leute seien schlecht über die Konsequenzen ihrer Entscheidung informiert gewesen und und sie deshalb unterschätzt.

Andere Länder wie beispielsweise Frankreich könnten nun, so ihre Befürchtung, ebenfalls über einen Austritt aus der EU nachdenken – zumal viele das Gefühl haben, Deutschland und Angela Merkel seien zu mächtig. Zusammen mit dem Rechtsruck in Europa sei das eine sehr gefährliche Situation. Die Europäische Union sei das größte Friedensprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. „Über die jetzige Lage bin ich sehr traurig.“ (ryp/hin)

Auch interessant

Kommentare