1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Aus dem Knast zur Arbeit

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Iris Maier berät Häftlinge beim Wiedereinstieg in den Beruf.

Eine Frage drängt sich gleich als Erstes auf, doch noch will Iris Maier sie dem 35 Jahre alten Mann nicht stellen. Die Frage, welches Delikt er begangen hat, warum er im Gefängnis sitzt. Der Mann trägt Anstaltskleidung, graue Hose, weinrotes T-Shirt. Seit knapp einem Jahr verbüßt er eine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Eberstadt. Ende September soll er entlassen werden. Aber wo findet er dann Arbeit? Und steht ihm Arbeitslosengeld zu oder wird er gleich "Hartzer"?

Iris Maier vom Vermittlungsteam der Darmstädter Agentur für Arbeit bietet alle zwei Monate eine Sprechstunde im Gefängnis an. Immer dann, wenn sieben bis 15 Häftlinge beraten werden wollen. Die meisten sind um die 30 Jahre alt, nur wenige haben Abitur oder gar einen Universitätsabschluss.

Die junge Psychologin kommt unverblümt zur Sache. Private Details interessieren sie nur, wenn sie zur Arbeitsmotivation beitragen könnten. Ihr heutiger Kunde hat mit zwei abgeschlossenen Ausbildungen keine schlechten Karten. Als Fachkraft für Lagerwirtschaft will er arbeiten. Berufserfahrung hat er, Computerkenntnisse auch, ebenso den Gabelstaplerschein. Nur der Autoführerschein fehlt, aber darum will er sich gleich als Erstes nach der Entlassung kümmern. "Den kriegen wir unter", ist sich Maiers Chef, Klaus Müller, Teamleiter bei der Arbeitsvermittlung, sicher.

Und dann stellt Maier doch die Frage aller Fragen. "BTM", Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, lautet die knappe Antwort des Häftlings. Fast wirkt Maier erleichtert, dass er nicht Betrug, Raub oder ein Gewaltdelikt gesagt hat, denn dann wäre er weitaus schwerer zu vermitteln. Sie rät ihm, schon jetzt seine Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen und in jedem Fall mit offenen Karten zu spielen. Die Haftstrafe zu verschweigen bringe nichts, spätestens im persönlichen Gespräch mit dem Arbeitgeber sollte sie Thema sein.

Klein anfangen, dann steigern

Viele Häftlinge träumen nach der Entlassung von der Selbstständigkeit. Sie wollen eine Entrümpelungsfirma gründen oder Fitnesstrainer werden. Die Beraterin holt sie auf den Boden der Tatsachen. Sie sollen schön langsam vorgehen, Schritt für Schritt. Erst die Existenz sichern, für eine Bleibe sorgen und klären, wie viel Geld sie zur Verfügung haben. Alles andere kommt später.

Um Arbeit zu finden, müssten die Entlassenen auch weite Fahrten, weniger Gehalt und Jobs im unteren Sektor, im Lager, als Küchenhilfe oder Reinigungskraft in Kauf nehmen. Von dieser Basis aus könnten sie nach Höherem streben. Manchmal sei auch ein 400-Euro-Job ein guter Einstieg, meint Maier.

Während der Sprechstunde klärt die Arbeitsvermittlerin, ob der Häftling eine Zusatzqualifikation braucht. Etwa einen Computerkurs, die Aktualisierung eines Führerscheins oder ein Bewerbungstraining. Vor einer Umschulung wird der psychologische Dienst der Agentur für Arbeit eingeschaltet. Er testet, ob der Bewerber Durchhaltevermögen besitzt.

Manche ehemaligen Häftlinge werden wieder von ihrem früheren Arbeitgeber beschäftigt, andere finden über Zeitarbeitsfirmen zurück ins Arbeitsleben. "Ich bin manchmal selbst überrascht, wie sich die Leute entwickeln", sagt Maier. (pyp)

Auch interessant

Kommentare