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Klares Zeichen gegen Rassismus

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Entlang der Hauptstraße in Jugenheim setzten nicht nur Schüler ein Zeichen gegen Intoleranz.
Entlang der Hauptstraße in Jugenheim setzten nicht nur Schüler ein Zeichen gegen Intoleranz. © André hirtz

Hunderte Menschen nehmen an einer Lichterkette entlang der Hauptstraße in Seeheim-Jugenheim teil. Nachdem vor wenigen Tagen Unbekannte gestohlene Stolpersteine in die Fenster des Seeheimer Rathauses geworfen hatten, zeigen sich die Bürger solidarisch gegen Rassimus.

Schon am Donnerstagnachmittag hatten sich rund 400 Besucher an der Jugenheimer Ludwigstraße eingefunden, wo der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine im Gedenken an die Mitglieder der Familie Koppel verlegte. Etliche Teilnehmer hatten sich für diesen Tag freigenommen, um dabei zu sein. Anschließend wurden in der Hauptstraße 24 und 48 Steine zum Gedenken an Moritz Abraham und die Familie Brodnitz verlegt.

Für den Abend hatte die Schülervertretung des Schuldorf Bergstraße dann zu einer Lichterkette entlang der Hauptstraße aufgerufen: Hunderte Menschen kamen mit Kerzen und standen in mehreren Reihen am Straßenrand.

Erst vor wenigen Tagen hatten Unbekannte gestohlene Stolpersteine aus Griesheim in Fenster des Seeheimer Rathauses geworfen. Seitdem sind das Rathaus und Bürgermeister Olaf Kühn (parteilos) rechtsradikalen Schmähungen ausgesetzt. Nach Auskunft von Oliver Hess, dem Leiter der Polizeistation Pfungstadt, verliefen beide Aktionen am Donnerstag jedoch friedlich.

Gunter Demnig hat inzwischen europaweit mehr als 44 000 dieser Stolpersteine verlegt. Er habe dabei aber noch nie eine so große Zahl von Teilnehmern wie jetzt in Jugenheim erlebt. Mitgewirkt haben an der Verlegung neben der politischen Gemeinde auch die Kirchen sowie das Schuldorf Bergstraße, dessen Schüler Lebensläufe der Opfer verlasen.

44 000 Stolpersteine verlegt

Zeugen waren an diesem Tag auch die Geschwister Doris, Ruth und Walter Turck, die Kinder von Louise Turck, geborene Brodnitz, der zusammen mit ihrer jungen Familie 1939 die Flucht nach England gelang. Ihre Eltern wurden später ebenso wie Schwester Marta von Nazi-Schergen ermordet. „Die Verlegung der Stolpersteine für unsere Angehörige heute ist eine wundervolle Geste für uns Überlebende“, sagte Walter Turck auch im Namen seiner beiden Schwestern. Er war bei der Flucht nicht einmal ein Jahr alt.

Er fühle sich heute als Engländer, eine dauerhafte Rückkehr nach Jugenheim habe in seiner Familie nie zur Diskussion gestanden. „Wir sind aber ab 1951 häufig hierher zurück gekommen, haben Verwandte und Freunde besucht und die Entwicklung der Gemeinde, die wir sehr schätzen, mitverfolgt“, berichtet er. „Die Steine hier sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Nazis ihr Ziel nicht erreicht haben, ihre Opfer dem Vergessen anheimzugeben“, erklärte Bürgermeister Kühn in seiner Ansprache.

Scharf verurteilte Kühn die jüngsten Vorgänge in der Gemeinde. „Das trifft alle demokratisch gesinnten Menschen“, stellte er fest und verwies darauf, dass es seither eine große Welle der Solidarität in der Gemeinde gegeben. „Wir treten gegen den braunen Mob an, aber auch gegen die Gesinnung, dass man einen Schlussstrich unter das Erinnern ziehen soll. Dann haben die Opfer nämlich keine Stimme mehr“, sagte Kühn.

Großes Lob zollte der Bürgermeister den Schuldorf-Schülern, die eine Lichterkette entlang der Hauptstraße und der Ludwigstraße organisiert hatten. „Wir sind durch Kontakte zu Klaus Knoche vom Runden Tisch wider das Vergessen hier in der Gemeinde und durch Gespräche mit einer Lehrkraft auf die Idee mit der Lichterkette gekommen“, erzählten Mitglieder der Schülervertretung. Man wolle damit ein Symbol für das Gedenken an die Opfer und gegen Rassismus und Intoleranz geben.

Erfreut zeigte sich Klaus Knoche über die hohe Zahl von Teilnehmern an der Lichterkette. „Das ist ein deutliches Zeichen an die Adresse aller Unbelehrbaren“, unterstrich er. eda

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