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Gedenken an die Deportationen der Nazis in Darmstadt: Keinerlei Ausgrenzung dulden

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Von: Annette Schlegl

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Am Gedenk-Glaskubus am ehemaligen Güterbahnhof fielen am Sonntag mahnende Worte.
Am Gedenk-Glaskubus am ehemaligen Güterbahnhof fielen am Sonntag mahnende Worte. © Renate Hoyer

Beim Gedenken zum Jahrestag der Deportationen Jüdinnen und Juden sowie Sinti in Darmstadt mahnten die Redner, dass sich Geschichte nicht wiederholen dürfe. Die aktuelle politische Lage beunruhige.

Ein Gesteck mit weißen Lilien steht am Sonntag am Prellbock vor einem Glaskubus, in den Glasscherben mit eingravierten Namen von Deportierten eingelassen sind. Ein paar Meter weiter spielt ein dreiköpfiges Ensemble schwermütige Weisen, die Schmerz und Trauer zum Ausdruck bringen.

Es ist der Tag, an dem Darmstadt der Sinti und Roma sowie der Juden gedenkt, die von den Nazis in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden.

Darmstadt: Gedenken an die Deportationen 1942 und 1943

Am 20. März jährte sich zum 80. Mal der Tag, an dem Juden und Jüdinnen erstmals aus Südhessen nach Darmstadt verschleppt und vom dortigen Güterbahnhof nach Lublin transportiert wurden. Ein Jahr später, am 15. März 1943, deportierte die Darmstädter Kriminalpolizei 69 Sinti ins Vernichtungslager Auschwitz.

In einer Gedenkveranstaltung erinnerten die Stadt, der hessische Landesverband Deutscher Sinti und Roma sowie die Initiative „Denkzeichen Güterbahnhof“ am Sonntag an beide schrecklichen Ereignisse. Rund 70 Menschen fanden sich dazu auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs ein.

Krieg in der Ukraine: „Flüchtlinge eine vorübergehende Bleibe geben“

Vor vier Wochen hätten sich 79 beziehungsweise 80 Jahre noch lange her angefühlt, sagte Alexander Stoler, Kulturreferent der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, der ukrainische Wurzeln hat. Das habe sich am 24. Februar durch den russischen Überfall auf sein Heimatland geändert.

Durch diese Ereignisse habe er jetzt „zum ersten Mal eine Vorstellung davon, welches Leid vor 80 Jahren über die Menschen kam“. Trotzdem sei der Angriffskrieg von Russland nicht mit der Shoa zu vergleichen, weil die Menschen damals keine Überlebenschancen gehabt hätten. „Wir können etwas tun, können den Flüchtlingen eine vorübergehende Bleibe geben“, sagte er. „Was hätten die Juden und die Roma damals für eine solche Chance gegeben?“

Roma aus der Ukraine auf der Flucht

„Meine Mutter wollte nie über Auschwitz sprechen, sie konnte es nicht“, sagte Maria Strauss vom hessischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma. Nur einmal habe ihre Mutter gesagt, dass es die Hölle auf Erden gewesen sei. Sie hatte in der Ochsengasse in Darmstadt gelebt, wurde auf dem Heimweg von der Arbeit abgefangen und zusammen mit ihren beiden Schwestern, ihren beiden Brüdern und ihren Eltern nach Auschwitz transportiert. Sie starb 1978 mit 58 Jahren in Darmstadt. „Sie war so traumatisiert, dass sie gezittert hat, wenn sie irgendwo eine Uniform sah.“

Die aktuelle weltpolitische Lage beunruhige, sagte Strauss. Die Nachrichten von Roma, die auf der Flucht an der ukrainischen Grenze nicht durchgelassen würden und die man nicht in Busse setze, würden sich häufen. Das zeige, wie instabil das moralische Fundament unserer Gesellschaft gerade in der Krisenzeit sei. „Die Geschichte darf sich nicht wiederholen, dafür tragen wir alle die Verantwortung“, mahnte sie.

Gedenken an Deportationen: „Wir dürfen keine Ausgrenzung dulden“

Für Renate Dreesen von der Initiative Gedenkort Güterbahnhof ist es „unerträglich“, wie sich das politische Klima in den vergangenen Jahren verändert hat. Ressentiments und Vorurteile habe es immer gegeben, aber was früher vielleicht in der Familie oder am Stammtisch zu hören gewesen sei, werde heute ungeniert, offen mit Namen und Adresse überall geäußert, „auch in fast allen Parlamenten“.

Die Situation der Romafamilien sei besonders in den Balkanländern katastrophal. Die EU gebe Millionen aus, um die Roma von uns fernzuhalten, aber das Geld komme nicht bei ihnen an. „Und wir schauen weg. Das ist unerträglich“, sagte Dreesen. „Wir dürfen keine Ausgrenzung dulden – weder sozial noch rassistisch“, forderte sie.

Darmstadt: Für eine vielfältige und offene Stadt

Bürgermeisterin Barbara Akdeniz (Grüne) sagte, man müsse deutlich machen, dass ein Staat erst dann wirklich erfolgreich sei, wenn es gelinge, dass in ihm verschiedene Volksgruppen lebten.

Ein solcher vielfältiger Staat sei der bessere und der stärkere. „Wir sind es den Opfern der Darmstädter Todeszüge schuldig, unsere Stadt und unser Land niemals wieder den Demagogen, Menschenverächtern und Ausgrenzern zu überlassen.“

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