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Wer keinen Abstand halten kann, darf nicht in die Schule.

Darmstadt

Schulstart mit Handicap: Wer keinen Abstand halten kann, darf nicht kommen

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Auch in Darmstadt starten die Schulen: Für viele Kinder mit Behinderung sind die Hygieneregeln aber eine große Hürde. Auch an Förderschulen.

Artikel geändert am 22. Mai 2020.

Ina H. (Name geändert) freute sich: Per Elternbrief erfuhr sie, dass ab 2. Juni für Grundschüler der Unterricht wieder anfängt – also auch für ihren achtjährigen Sohn mit Downsyndrom, der eine Regelgrundschule im Landkreis Darmstadt-Dieburg besucht. Doch dann kam der Schock: „In einem Satz stand: Kinder, die eine geistige Behinderung haben und sich nicht an die Hygieneregeln halten können, sind leider ausgeschlossen“, erzählt die Mutter.

Als sie bei der Schule nachfragt, bestätigt man ihr, dass ihr Sohn nicht in die Schule dürfe, solange die 1,5-Meter-Regel gelte. „Er sei zu quirlig, renne herum, könne keinen Abstand halten“, sagt sie. Aber sie gibt nicht auf. Es folgen Gespräche mit Schule und Behörden, denn die Regelung betrifft auch die Schulbegleiterin des Jungen. H. kann erwirken, dass ihr Sohn eventuell testweise für drei Stunden wöchentlich in die Schule darf. Dann aber müsse er in einem Raum alleine mit seiner I-Kraft sitzen. „Ob es klappt, weiß ich nicht“, sagt sie. Eine Alternative sei, die I-Kraft nach Hause kommen zu lassen. Doch auch das sei noch ungewiss. Wie viel das alles noch mit Inklusion zu tun hat, kann man sich fragen.

Insgesamt laufe es mit der Beschulung von Kindern mit Behinderungen in Hessen nicht schlecht, sagt Dorothea Terpitz, Vorsitzende von „Gemeinsam Leben Hessen“. Allerdings sei dafür viel Überzeugungsarbeit und auch etwas Druck seitens der Eltern nötig gewesen. So hätten die Kreise und kreisfreien Städte als Kostenträger den Einsatz der Teilhabeassistenzen, dem I-Helfern, sehr unterschiedlich gehandhabt. „Bei manchen hieß es, dies Helfer könnten nur in der Schule eingesetzt werden, für den Einsatz in den Familien zu Hause gebe es keine Leistungsvereinbarung“, berichtet Terpitz. Inzwischen hätten aber alle akzeptiert, dass die I-Helfer auch in den Familien arbeiten dürften, da ihre Tätigkeit auf die jeweiligen Kinder und nicht den Einsatzort bezogen sei. Nicht alle Eltern aber wollten die Unterstützung daheim, sodass Terpitz nicht sagen kann, wie viele Kinder zurzeit tatsächlich auf die Hilfe der Teilhabeassistenten bauen können.

Beim Einsatz der I-Helfer in den Schulen selbst sei die Lage ebenfalls sehr unterschiedlich, sagt Terpitz. In mehreren Fällen hätten Schulleitungen argumentiert, der vorgeschriebene Abstand für den Infektionsschutz könne nicht eingehalten werden, wenn I-Helfer in der Klasse seien. „Erst ein Schreiben des Sozialministeriums, auf das wir gedrängt hatten, hat Klarheit gebracht“, sagt die Vereinsvorsitzende. Schulen müssten die Teilhabeassistenten mit einplanen und, wo nötig, die Zahl der Schüler je Gruppe verringern.

Unbefriedigend sei die Lage an vielen Förderschulen. Dort würden Kinder und Jugendliche mitunter sehr zurückhaltend aufgenommen, obwohl die Klassen ohnehin klein seien und es häufig schon vor Corona Hygienekonzepte hätte geben sollen.

Beispiel Christoph-Graupner-Schule in Darmstadt: Von 140 Schülern beginnen dort diese Woche 16 Schüler aus den höheren Klassen mit dem Unterricht. Ab 2. Juni sollen jüngere Schüler hinzukommen, sagt Rektorin Stefanie Wenzel. Wie viele, wisse sie noch nicht. Voraussetzung sei, dass sie die Hygieneregeln einhalten könnten und nicht auf Hilfe angewiesen seien. Jedes Kind werde von Pädagogen nach einer Checkliste beurteilt. „Wir müssen uns an die Regeln halten“, sagt Wenzel.

An der Wichernschule in Mühltal (Landkreis Darmstadt-Dieburg) war man "irritiert und empfand es als diskriminierend“, dass Kinder ausgeschlossen werden sollen, weil sie sich nicht an Abstandsregeln halten, sagt Konrektor Falk Schüll. Deshalb habe man die Reglung gemeinsam mit Schulleitungen der anderen Schulen mit Schwerpunkt geistige Entwicklung und dem Schulamt nachjustiert. In der Wichernschule bekommen die Schüler, die es brauchen, jetzt einen Trainingstag, um Hygieneregeln zu lernen.

Außen vor sind die Kinder, die einer Risikogruppe angehören. Diese müssten ohnehin die Schule nicht besuchen, erläutert Alexandra Cremer von Gemeinsam Leben Frankfurt. Dazu genüge ein Attest vom Kinderarzt. Schwierig könne es werden, wenn I-Helfer in Kurzarbeit geschickt worden seien und nun nicht zur Verfügung ständen. „Einen neuen Helfer einarbeiten ist aufwendig“, sagt Cremer. Sie appelliert an alle Beteiligten, einen „klaren Kopf“ zu behalten und gemeinsam Lösungen zu finden.

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