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Spurensuche zur Geschichte von Sinti und Roma per App

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Von: Annette Schlegl

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Die „SiRo“-App bietet Rundgänge und Infos zur Geschichte von Sinti und Roma.
Die „SiRo“-App bietet Rundgänge und Infos zur Geschichte von Sinti und Roma. © Michael Schick

Die „SiRo“-App macht das Leben und die Geschichte von Sinti und Roma sichtbar. Sie bietet Rundgänge zu dem Thema - zuerst in Darmstadt, sukzessive dann in weiteren Städten.

Zweieinhalb Wochen sind es nur noch bis zum mündlichen Abitur. Trotzdem ist zehn Abiturienten und Abiturientinnen der Bertolt-Brecht-Schule Darmstadt ein Thema so wichtig, dass sie mehr als drei Stunden ihrer kostbaren Lernzeit abzwacken: Sie gehen auf Spurensuche, suchen nach Stationen des Widerstands von Sinti und Roma in Darmstadt. Die App Sinti und Roma in Hessen („SiRo“), die seit dem 16. Mai verfügbar ist, hilft ihnen, Zeitzeugnisse in der Stadt zu finden. Sie wurde zum 78. Gedenktag des Aufstands im KZ Auschwitz-Birkenau lanciert. Damals wehrten sich Sinti und Roma gegen die Deportation in die Gaskammern.

Die App

Die „SiRo“-App ist online unter siro-hessen.app abrufbar.

Der Nutzer kommt so virtuell oder direkt vor Ort zu Denkmälern und Stationen, an denen die Geschichte und die Gegenwart von Sinti und Roma in Hessen aufgezeigt wird.

Die Web-App ist eine Art digitaler Stolperstein, bietet thematische und biografische Rundgänge, führt aber auch zu Einzelstationen. Sie lässt sich wie eine Karten-App auf dem Mobiltelefon unterwegs verwenden, kann aber auch im Browser wie eine Website genutzt werden.

Aktuell sind in der „SiRo-App“ vier Rundgänge durch Darmstadt verfügbar: zwei biografische Rundgänge, die zu Stationen im Leben der Auschwitzüberlebenden Alwine Keck sowie Martin Wick führen, ein Rundgang zum Thema „Bürgerrechte und Widerstand von Sinti und Roma“ und ein Rundgang, der ihre nationalsozialistische Verfolgung beleuchtet.

Noch in diesem Jahr soll die App auch virtuelle Rundgänge in Frankfurt und Wiesbaden bieten. Der Landesverband Hessen im Verband deutscher Sinti und Roma ergänzt sie sukzessive um Infos in weiteren Kommunen. ann

Schon lange ist die Geschichte der Sinti und Roma für die Abiturient:innen der Bertolt-Brecht-Schule ein Thema: In einer Projektgruppe beschäftigen sie sich außerhalb des Unterrichts mit der Geschichte dieser Minderheit zwischen Stigmatisierung. Verfolgung und Selbstbehauptung. Nun sind sie also zusammen mit ihrem Geschichtslehrer Bernhard Schütz die Ersten, die mit der gerade lancierten App auf Spurensuche gehen. Erklärende Worte kommen von Rinaldo Strauß, stellvertretender Geschäftsführer des Landesverbands Sinti und Roma Hessen, sowie von Leonie Zander, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Landesverband.

Rundgang beginnt in Darmstadt am Mahnmal zum Gedenken an verfolgte Sinti und Roma

„Viele von unserer Generation wissen kaum etwas von der Verfolgung von Sinti und Roma“, ist aus der Runde zu hören, als die erste Station – das keilförmige Mahnmal auf dem Ludwig Metzger-Platz – hinter ihnen liegt. Es heiße, Juden und andere seien in der NS-Zeit verfolgt worden. „Wer die anderen sind, wussten wir früher nicht.“ Sinti und Roma seien immer nur in einem Nebensatz vorgekommen.

Der Rundgang beginnt in Darmstadt am keilförmigen Mahnmal auf dem Ludwig-Metzger-Platz.
Der Rundgang beginnt in Darmstadt am keilförmigen Mahnmal auf dem Ludwig-Metzger-Platz. © Michael Schick

„Wir haben als Kinder Vorurteile über Sinti und Roma anerzogen bekommen“, sagt Lucia. Und Volker ergänzt: „Dass das Wort Zigeuner böse und verletzend ist, haben wir erst in unserer Projektgruppe erfahren.“ Der Antiziganismus habe nicht erst 1933 begonnen und auch nicht 1945 aufgehört, erklärt ihnen Rinaldo Strauß in der Gutenbergstraße vor dem ehemaligen Wohnhaus der Sintifamilie Rose, die in Darmstadt ein Kino betrieb. Ein BGH-Urteil von 1956 habe beispielsweise besagt, dass „Zigeuner“ selbst schuld seien an ihrem Schicksal und dass die Nazis sie zu Recht als „artfremd“ behandelt hätten. Auch der Völkermord an den Sinti und Roma sei erst 1982 als rassistische Verfolgung anerkannt worden.

App „Sinti und Roma in Hessen“ verhilft zu mehr Nähe zum Thema

Sinti und Roma hätten auch in Darmstadt durchaus Widerstand geleistet, erfahren die jungen Erwachsenen bei dem Rundgang. Sie wehrten sich beispielsweise gegen die zwangsweise Untersuchung in der „rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle“. „Wenn man dort erfuhr, dass einer der Vorfahren Sinto war, war das ein Grund zur Deportation“, erklärt Strauß.

Der Rundgang zeige, dass „mit dem Narrativ der eigenen Schuld der Sinti und Roma gebrochen werden kann“, sagt Volker. „Die Nähe zu dem Thema, die bisher fehlte, die hat man jetzt bekommen“, stellt Marei fest.

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