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Keine Frage der Familienehre

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Eine Fachtagung zeigt Strategien zum Schutz junger Migrantinnen vor häuslicher Gewalt auf. Der Darmstädter Verein Mäander hat im März eine anonyme Onlineberatung für Hilfe suchende Mädchen eingerichtet.

In den vergangenen Jahren wurden nach Schätzungen der UNO weltweit etwa 5000 Mädchen und junge Frauen Opfer von Gewaltverbrechen, weil sie in den Augen der Täter die Familienehre beschmutzt hatten. In patriarchalisch strukturierten Gesellschaften gelten auch Zwangsverheiratungen als legitim. Ein Fall aus Darmstadt zeigt, dass dieses Thema auch hier aktuell ist: Nach Angaben von Sozialdezernent Jochen Partsch (Grüne) wurde gerade eine junge Türkin aus ihrer Familie in die Obhut einer Einrichtung eines anderen Bundeslandes gebracht, weil sie hier nicht sicher gewesen sei.

Als das von der Landesregierung initiierte Netzwerk gegen Gewalt zu einer Fachtagung „Ehrensache? – Strategien zum Schutz junger Migrantinnen“ nach Darmstadt einlud, musste der Veranstaltungsort wegen des großen Andrangs vom Polizeipräsidium in die Evangelische Fachhochschule verlegt werden.

Christine Klein, die die regionale Geschäftsstelle des Netzwerks gegen Gewalt im Polizeipräsidium Südhessen leitet, berichtete, dass die Hilfsangebote bekannter geworden seien. Die Teilnehmer, die beruflich oder privat mit Mädchen und jungen Frauen zusammen kommen, sollten durch die Fachtagung für „in der Ehre“ begründete Taten sensibilisiert werden, die von Beleidigung, sexueller Nötigung, Vergewaltigung, Körperverletzung bis hin zu Tötungsdelikten reichten.

Zu Zwangsverheiratungen gebe es keine Zahlen, bedauerte Partsch. Diese Gewalt gegen Mädchen komme vor allem im türkischen und arabischen Raum vor. 2009 habe man in Darmstadt 90 Mädchen in Obhut genommen, im laufenden Jahr seien es bereits 85. „Nur du entscheidest, ob und wen du heiratest“, heißt es in Deutsch und in fünf weiteren Sprachen auf einer Infokarte, die der Darmstädter Verein Mäander verteilt. Er hat im März eine anonyme Onlineberatung (www.maeander-zwangsheirat.de) für Hilfe suchende Mädchen eingerichtet.

Für Betroffene, so Polizeivizepräsident Uwe Brunnengräber, sei es schwer möglich, aus ihrer oft bedrückenden familiären Situation auszubrechen. Die Familienehre stünde meist über allem. Bei der Aufgabe, gegen Zwangsverheiratungen und andere Arten der häuslichen Gewalt vorzugehen, könne die Polizei nur ein Baustein sein. Polizisten klärten mögliche Opfer über rechtliche Schritte auf, verwiesen sie an Beratungsstellen.

In Darmstadt, so Patricia Latorre (Interkulturelles Büro), gebe es rund 120 Migrationsvereine. Mit immerhin 40 davon stehe man im engen Kontakt. So gebe es bereits Vätergruppen. Klein betonte, man müsse sich noch stärker um Frauen zwischen 18 und 21 Jahren kümmern. Aus der Jugendförderung seien sie herausgefallen, gehörten aber noch nicht zum Klientel der Frauenhäuser. ( ryp)

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