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Kein normaler Betrieb

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Timm Behnecke und Amrei David vor der Schlosserei Jung.
Timm Behnecke und Amrei David vor der Schlosserei Jung. © Claus Völker

Bewohner des Woogsviertels wollen die Schlosserei Karl Jung zur Gemeinschafts- und Nachbarschaftswerkstatt machen. Der normale Handwerksbetrieb soll aber enden, statdessen sollen dort zukünftig kreative Konzepte umgesetzt werden.

"Schlosserei Karl Jung – seit 1903“ steht auf dem alten Schild an der Wienerstraße. Der Schriftzug ist von blauen Jugendstilranken umrahmt. Die Hofeinfahrt gibt den Blick auf eine Werkstatt frei, in der Geländer und Tore restauriert oder neu gefertigt werden. Dahinter steht ein kleines Wohnhaus, das zu Lagerzwecken genutzt wird.

So ein alter Handwerksbetrieb darf hier doch nicht einfach verschwinden! Das dachte sich Amrei David, als sie hörte, dass der Schlossereibetrieb angeblich zum Ende des Jahres aufgegeben, das Werkstattgelände verkauft werden soll. Die Masterstudentin im Fachbereich Umweltingenieurwesen, die selbst schon in dem Betrieb („ein faszinierender Ort“) ausgeholfen und dabei viel vom Metallhandwerk gelernt hat, suchte jetzt nach Gleichgesinnten, die sich mit ihr für den Erhalt der Werkstatt einsetzen.

Zehn Leute bilden festen Kern

Da die Studentin seit einigen Jahren in der Asta-Fahrradwerkstatt „Zwanzig“ aktiv ist, war das nicht weiter schwer. Ein Fahrradmechaniker, Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen sowie eine Steinmetzmeisterin sind bereits mit von der Partie. Zehn Leute bilden den festen Kern der Initiative. Hinzu kommen rund zwanzig weitere Unterstützer.

Gemeinsam wollen sie die Schlosserei als Gemeinschafts- und Nachbarschaftswerkstatt weiterführen. „Uns ist schon klar, dass wir hier keinen normalen Handwerksbetrieb aufrechterhalten können“, sagt Amrei David. „Stattdessen sollen kreative Konzepte umgesetzt werden.“

Dazu gehören Werkstättenarbeitsplätze fürs Reparieren von Fahrrädern und Computern oder für andere handwerkliche Tätigkeiten. „Wir sind“, so David, „da nicht auf Metall festgelegt. Unsere verbindende Idee ist das Handwerk.“ Angedacht ist außerdem die „theoretische Begleitung“ des Projekts durch Vorträge und Seminare zu handwerklichen Themen, durch eine Schreibwerkstatt. Einige Darmstädter Sozialvereine haben ebenfalls bereits ihr Interesse an der Initiative bekundet. Viele sind auf der Suche nach Werkstatträumen für Gruppenangebote. „Noch stehen wir ganz am Anfang“, betont Timm Behnecke, der gerade an seiner Philosophie-Doktorarbeit schreibt. „Deshalb ist noch vieles offen, aber auch vieles möglich.“ Gerade ist man dabei, einen Förderverein aus der Taufe zu heben. Außerdem ist die Initiative auf der Suche nach potenziellen Geldgebern.

Denn sollte Amrei Davids Information stimmen und die Werkstatt demnächst über einen Makler zum Verkauf stehen, würde die Gruppe gern zugreifen. Erste Verhandlungen mit Banken über einen Kredit gab es schon. Mit Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) ist ein Gespräch über die Möglichkeit einer städtischen Bürgschaft terminiert. Kontakte zu Spendern und Sponsoren sollen aufgebaut werden. Auf rund 400 000 Euro schätzen Amrei und Timm die Summe, die für das rund 700 Quadratmeter große Grundstück aufgebracht werden muss. Über Mitgliedsbeiträge und die Vermietung von Werkstattarbeitsplätzen sollen dann Zins und Tilgung aufgebracht werden.

Sozialvereine an Projekt interessiert

„Im Moment muss wahnsinnig viel gleichzeitig passieren“, kommentiert Timm Behnecke den Einsatz für den Erhalt der Schlossereiwerkstatt. „Aber es wäre einfach schade, wenn das Schlosserhandwerk aus dem Woogsviertel verschwinden würde“, sagen er und Amrei David. Sie verweisen darauf, dass es im Viertel sogar eine Schlosserstraße gibt. Früher habe es hier noch mehr Handwerksbetriebe gegeben.

„Es wäre einfach schade, wenn diese letzte Werkstatt auch noch verschwinden würde. Hier kann man schließlich noch den kompletten Produktionsprozess vom Rohstahl bis zum fertigen Produkt mitbekommen.“ Würde der Betrieb eingestellt, gingen ein Stück Tradition und auch handwerkliches Wissen und Können verloren.

Amrei und Behnecke hoffen deshalb für ihr Projekt auch auf die Unterstützung der Woogsviertler. Der Metallbaubetrieb Jung selbst war – trotz mehrfacher Bemühungen – nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. (eda)

Kontakt zur Initiative kann per E-Mail, schlossereiwoogsviertel@gmail.com, aufgenommen werden.

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