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Kein Kontakt zur Tochter

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Warum ihr Kind keinen Kontakt mehr will, wissen viele Betroffene nicht.
Warum ihr Kind keinen Kontakt mehr will, wissen viele Betroffene nicht. © Claus Völker

Für Eltern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben, gibt es in Darmstadt jetzt Hilfe. In einer neuen Selbsthilfegruppe können sie sich mit anderen verlassenen Eltern über den schmerzlichen Verlust in ihrem Leben austauschen.

Der Blick an die holzgetäfelte Wand im Wohnzimmer des Einfamilienhauses ist wie ein Blick ins Familienalbum. Auf gerahmten Bildern sind Monika Burghardts (Name geändert) vier Kinder zu sehen, von der Geburt bis zum Erwachsensein in allen Altersstufen. Auch Tochter Susanne ist dabei, mit inzwischen 49 Jahren die Älteste.

„Sie ist ein absoluter Hingucker“, beschreibt die 67 Jahre alte Mutter ihre Tochter, und aus ihren Worten klingt Stolz. „Intelligent, klug, reich begabt und mit Abstand von uns die Schönste.“ Doch Susanne macht es ihrer Mutter schwer, sie zu lieben, denn sie stößt sie mit ihrem Verhalten immer wieder vor den Kopf. Danach herrscht regelmäßig anderthalb oder zwei Jahre Funkstille, bis die inzwischen geschiedene Tochter eine Partnerkrise hat und sich wieder meldet. Doch Monika Burghardt weiß schon während des Versöhnungsgesprächs, dass das nächste Zerwürfnis aus meist banalem Grund schon programmiert ist.

Den großen Knacks gab es vor sechs Jahren, als der älteste Sohn heiratete und seiner Schwester an der Hochzeitstafel einen Sitzplatz zuwies, der ihr nicht passte. Daraufhin rastete sie aus und schleuderte ihrer Mutter den Satz: „Ich bin nicht mehr deine Tochter“ entgegen. Sie war fest davon überzeugt, dass die Mutter den Bruder schon immer vorgezogen hat.

Mit Ausnahme der jüngsten Tochter wollen die Geschwister mit Susanne nichts mehr zu tun haben. Sie sei unberechenbar, ständig fordernd, und man könne es ihr nicht recht machen, sagen sie. Und trösten ihre vom Streit zermürbte Mutter: Du hast doch noch uns. Monika Burghardt aber will Frieden mit ihrer Ältesten schließen.

Anderer Blick auf das Problem

Vor Kurzem hat sie das wieder versucht, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Susanne war nicht allein, ein früherer Freund leistete ihr Gesellschaft. Er beschimpfte die 67-Jährige und warf ihr vor, sich nie um Susanne gekümmert zu haben. Die schockierte Mutter fragte ihre Tochter: „Möchtest du, dass ich bleibe?“ Diese antwortete kalt: „Nein, geh“.

Um anderen in einer ähnlichen Situation zu helfen, hat Monika Burghardt jetzt eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern mitbegründet. Sie hofft, durch Gespräche mit anderen Müttern oder Vätern einen neuen Blickwinkel bei der Bewertung ihres Problems zu finden.

Margit Balß vom Paritätischen Wohlfahrtsverband hilft bei der Gründung neuer Selbsthilfegruppen. „Es gibt keine vergleichbaren Muster“, sagt sie zum Thema verlassene Eltern. „Jedes Schicksal ist anders.“ Kinder, die den Schlussstrich unter die Beziehung mit ihren Eltern ziehen, können Einzelkinder sein aber auch Geschwisterkinder. Sie können aus intakten oder auch aus Trennungsfamilien stammen. Manche fühlen sich überbehütet, andere beklagen, dass sich die Eltern zu wenig um sie gekümmert haben. Nur eines ist allen Fällen gemeinsam: der Schmerz der Eltern, die das Beste gewollt, wenn auch nicht immer getan haben, und für die eine Welt zusammengebrochen ist. (pyp.)

Das nächste Treffen der Selbsthilfegruppe „Verlassene Eltern“ ist Ende Februar. Mehr Infos gibt es unter der Telefonnummer 06151/895005.

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