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In 62 Jahren um die Welt

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Dorchen Klak ist in der Liebigstraße nicht mehr aufzufinden.
Dorchen Klak ist in der Liebigstraße nicht mehr aufzufinden. © Roman Grösser

Manche braucht es etwas länger bis ein Brief zugestellt werden kann. In Darmstadt kommt ein Brief nach einem Umweg über die USA erst nach 62 Jahren in der Liebigstraße an. Dort ist er aber „unanbringlich“

Lieber Postkunde, der eingetütete Gegenstand wurde lose in der Post gefunden oder auf dem Zustellweg vom Postal Service beschädigt. Wir wissen, dass Ihnen Ihre Post wichtig ist und Sie jedes Recht darauf haben, sie unbeschädigt zu erhalten. Der Postal Service unternimmt jede Anstrengung, um dies zu gewährleisten. Bisweilen lässt sich ein Schaden aber nicht verhindern.“

Diese freundliche Entschuldigung in englischer Sprache vom US-Postdienst ist auf die Rückseite einer Plastikhülle mit einem Brief gedruckt, die Werner Mansholt am Dienstagmorgen von seinem Briefträger überreicht bekam. Ob er ihm weiterhelfen könne? Mansholt und die anderen Hausbewohner in der Liebigstraße konnten nicht. Denn der geöffnete Briefumschlag in der Folie nennt ein „Fräulein Dorchen Klak“ als Adressatin. 1951, als er abgestempelt wurde, lebte von ihnen noch niemand im Haus. Wer immer Dorchen Klak sein mag: Dort wohnt sie nimmer. Das Darmstädter Adressbuch von 1952/53 verzeichnet nur einen Fritz Klak in der Liebigstraße 13.

Doch es wird noch kurioser: Der Brief wurde nicht in den USA abgeschickt, sondern in Karlsruhe. Absender: A. Ohnemus, Graf-Eberstein-Straße 1?.

Ermittlungsstelle in Marburg

Warum nur wird ein Brief, der Anfang der 50er Jahre von Karlsruhe nach Darmstadt unterwegs war, in den USA in eine Tüte des US Postal Service für beschädigte Sendungen gesteckt? Werner Mansholt und seine Nachbarn haben das Schreiben inzwischen an den Briefträger zurückgegeben, sich aber die Gelegenheit zur Spekulation nicht entgehen lassen. Tauchte dieser Brief im Nachlass von jemandem auf und wurde in einen Briefkasten gesteckt in der Hoffnung, die Adressatin sei noch am Leben? Oder kennt jemand gar den Inhalt des Briefs auf dem cremefarbenen Papier und schätzte ihn so wichtig ein, dass er ihn der Besitzerin zurückgeben wollte? Wie gelangte er überhaupt in die USA? Mit einem US-Soldaten nach dem Ende der Besatzung?

Man weiß es nicht. Sicher ist nur, dass der Brief sich nun im Zustellungsbereich der Deutschen Post befindet und hier klare Regeln für Sendungen gelten, die „unanbringlich“ sind, wie es im Fachjargon heißt. „Wenn niemand danach sucht, wird zunächst versucht, den Brief dem Adressaten zuzustellen“, erläutert ein Postsprecher auf Anfrage den Ablauf.

Sei das nicht möglich, werde versucht, den Brief an den Absender zurückzuschicken, also an A. Ohnemus in der Karlsruher Graf-Eberstein-Straße. Und wenn sich dieser Absender ebenfalls nicht mehr ermitteln lässt, wird die Sendung im Marburger „Servicecenter Briefermittlung“ für ein Jahr archiviert und schließlich vernichtet.

„Das ist schon was Besonderes“, stellt der Postsprecher fest. Im Marburger Briefermittlungs-Zentrum landeten sonst Einladungen zu zwanzigjährigen Abiturfeiern, die ohne Absender an veraltete Adressen geschickt worden seien. Oder falsch eingetütete Schreiben in Fensterbriefumschlägen. So seltsam der Vorgang auch sein mag, weiter recherchieren könne die Post leider nicht, sagt er. Er wünsche aber „viel Glück“. (rwb.)

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