Darmstadt-Dieburg

20 Jahre Notfallseelsorge in Darmstadt-Dieburg

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Das ICE-Unglück von Eschede war einst die Geburtsstunde der Notfallseelsorge. Inzwischen arbeiten viele Ehrenamtliche mit.

An einem Sonntagabend hat Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun seinen ersten Einsatz als Notfallseelsorger in Darmstadt. Zwei Jugendliche haben von einer Brücke aus Steine auf die Karlsruher Straße geworfen. Zwei Frauen sterben, zwei Todesnachrichten müssen überbracht werden. Ruff-Kapraun ist seit 2000 in der Notfallseelsorge in Darmstadt tätig und seit 2014 in Darmstadt-Dieburg.

Letztere – eine ökumenisch ausgerichtete Seelsorge – hatte ihre Geburtsstunde 1999. Auslöser sei das ICE-Unglück 1998 bei Eschede gewesen, bei dem 101 Menschen ums Leben kamen und mehr als 100 schwer verletzt wurden, teilt das Evangelische Dekanat vorderer Odenwald mit. 20 Jahre ist das nun her, und das wurde vergangenen Samstag in der evangelischen Stadtkirche Groß-Umstadt mit einem Festgottesdienst gefeiert.

„Die Massivität des Ereignisses hat dazu geführt, dass man die Belastung der Einsatzkräfte anders wahrgenommen hat“, sagt Ruff-Kapraun, der mittlerweile Leiter der Notfallseelsorge Darmstadt-Dieburg ist. Das damalige evangelische Dekanat Groß-Umstadt beschloss, das neue Arbeitsfeld Notfallseelsorge einzurichten.

Anfang der 1990er Jahre waren den Angaben zufolge in Deutschland bereits die ersten Notfallseelsorgesysteme entstanden, in Wiesbaden gründeten evangelische Pfarrer den Verein „Seelsorge in Notfällen“. Die seelische Versorgung von Menschen in Unglückssituationen gelangt verstärkt ins Bewusstsein. Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau spielt hierbei laut Ruff-Kapraun eine große Rolle. „Direkt nach Eschede entsteht etwas, was man eine Graswurzelbewegung nennen kann – ohne offizielle Verlautbarung“, sagt der Pfarrer. Die Notfallseelsorgesysteme werden ausgebaut.

2006, fünf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September und in dem Jahr, in dem Deutschland Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft ist, gibt es einen weiteren Schub für die Notfallseelsorge. Der Fußballverband Fifa verfügte, dass an jeder Spielstätte gewährleistet sein muss, dass bei einer Notfalllage 3000 Menschen versorgt werden könnten. Dadurch intensiviert sich die Zusammenarbeit zwischen Notfallseelsorge und Katastrophenschutz. In 2015 kommt mit Susanne Fitz eine hauptamtliche Beteiligung von katholischer Seite zur Notfallseelsorge in Darmstadt-Dieburg dazu. 2017 geht die Einsatznachsorge, also die Akuthilfe für Retter nach seelischen Belastungen, an den Start. Heute beraten sich fünf Personen mit Ruff-Kapraun und Susanne Fitz in allen Belangen um die Teamarbeit mit 30 Ehrenamtlichen. In den vergangenen 20 Jahren wurden 2000 Betreuungen durchgeführt. „Seelische Betreuung in der Not braucht viele besondere Menschen im Ehrenamt. Ich danke dafür, dass es immer jemanden in der Rufbereitschaft gibt. So soll es bleiben.“ 

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