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125 Jahre im Martinsviertel

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Die Kirche bei ihrer Einweihung  im Jahr 1885.
Die Kirche bei ihrer Einweihung im Jahr 1885. © Martinsgemeinde

Es ist am Martinstag, dem 11. November 1885. Die Matinskirche an der Wenckstraße wird geweiht. Ihr Stil ist der Wartburg nachempfunden. Kirche und Pfarrei feiern nun ihren Geburtstag mit einem Vortrag, Empfang und einer Ausstellung

Die Legende stimmt schon mal nicht. Der Kirchenstifter Max Rieger blieb mitnichten anonym und wurde erst nach seinem Ableben als Wohltäter offenbar. „Es gibt ein Dankschreiben von Ludwig IV. an Rieger für seine großzügige Spende von 100?000 Mark“, sagt der Darmstädter Stadtarchivar Peter Engels, der ehrenamtlich auch das Gemeindearchiv der evangelischen Martin-Luther-Gemeinde betreut. Außerdem ist die Korrespondenz zwischen Rieger und dem Bildhauer erhalten, der eine Replik des Riemenschneider-Kreuzes aus dem Landesmuseum für die nach Martin Luther und dem Heiligen Martin von Tours benannte Kirche anfertigen sollte.

Vor 125 Jahren, am 11. November 1885, dem Martinstag, wurde die Martinskirche an der Wenckstraße geweiht. Die Kirche war die zweite in der Kernstadt, berichtet Engels. Die Stadtkirche platzte damals aus allen Nähten, fünf Pfarrer mussten dort für das Seelenheil der rund 40?000 Einwohner sorgen – Katholiken gab es damals in Darmstadt laut Engels nur wenige. Die Martinskirche brachte also eine gewisse Entlastung, hatte aber zeitweise selbst bis zu 20?000 Mitglieder.

Der Wartburg nachempfunden

Der Bau spiegelt den vaterländisch-romantischen Stil wider. Ihm verdankt die Martinskirche einen unproportioniert schlanken spitzen Turm mit angedeuteten Zinnen und einem Zeltdach, das der Wartburg nachempfunden sein soll – und bereits zu Bauzeiten von vielen als scheußlich empfunden wurde. Dass er der Brandnacht zum Opfer fiel, soll niemand groß bedauert haben.

Ottilie Reinheimer, die Architektin des Wiederaufbaus 1950/51, hat es besser gemacht. Sie ist heute 91 Jahre alt. Ihr Turm ist ein sachliches Glockenbehältnis mit Satteldach, ohne Erkerchen, Giebelchen und sonstiges Zuckerbäckerwerk.

Was sich der Ursprungsarchitekt Age von Kaufmann dabei gedacht hatte, ist nicht überliefert. „Die Bauakten sind verschwunden.“ Vielleicht in der Stadtkirche verbrannt, vielleicht auch einfach verschlampt.

Die in der Brandnacht bis auf die Außenmauern sowie Chor und Sakristei zerstörte Kirche wurde in zwei Jahren von Kirchenbaumeister Karl Gruber und Ottilie Reinheimer wieder aufgebaut und wiederum am Martinstag 1951 geweiht. Das Kirchenschiff ist ein neugotisch schlichter, länglicher Raum mit einer Tonnendecke. An den Bogeneinfassungen auf der Empore, zum und im Chor ist seit der letzten Renovierung von 1997 bis 1999 wieder das Ziegelmauerwerk sichtbar. In den 60er Jahren wurde es weiß gestrichen, wie alles, inklusive Lutherstatue, die von ihrem Platz am Choraufgang in den Vorraum verbannt wurde. „Radikalisierung“, nennt Engels diesen Vorgang. Ganz in Weiß – damals Ausdruck für die reine Lehre im Protestantismus. „Im Grunde calvinistisch“, sagt der Archivar.

Deswegen gab es 30 Jahre lang auch keine Kanzel. Der Sandsteinaustritt rechts vom Chor musste einem Messingpult Platz machen, erst seit 1999 können die Pfarrer – und neuerdings die Pfarrerin – wieder von einer Kanzel predigen.

Bunt verglaste Fenster

Bei der Wiederweihe nach dem Krieg war nur eines der drei Fenster des Chors bunt verglast. Die Szene direkt hinter dem Altar – das einzige Originalstück aus dem 19. Jahrhundert – zeigt die Kreuzigung. Erst in den 60er Jahren dazu kam links das Gleichnis des verlorenes Sohnes.

Das rechte Fenster zeigt die Geschichte vom barmherzigen Samariter mit einer Besonderheit: Der Mann, der von den drei Räubern überfallen wurde, wird nicht nur von einem Gelehrten und einem Priester ignoriert, sondern auch von einem Menschen, der Zeitung liest. Peter Engels vermutet in ihm ein Symbol für den Otto Normalverbraucher – also den Wegschauer in uns allen.

Den Glocken der Martinskirche war kein langes Leben beschieden. Bis auf die Notglocke überlebten sie die Weltkriege nicht. Heute hängen wieder vier Glocken im Turm, und werden je nach Liturgie geläutet. Die Notglocke hat ein Plätzchen auf der Empore gefunden. ( rwb)

Einen Vortrag über die Martinskirche hält Peter Engels am Freitag, 12. November, um 19 Uhr. Am Sonntag, 14.?November, um 10 Uhr ist Festgottesdienst, anschließend ein Empfang im Martinsstift und um 13 Uhr die Eröffnung der Ausstellung mit historischen Fotos und alten Paramenten.

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