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Ein Jahr Digitalstadt Darmstadt

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Von: Jens Joachim

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Wollen die Digitalstadt Darmstadt gestalten: Oberbürgermeister Jochen Partsch und Geschäftsführer José David da Torre Suárez.
Wollen die Digitalstadt Darmstadt gestalten: Oberbürgermeister Jochen Partsch und Geschäftsführer José David da Torre Suárez. © Michael Schick (Michael Schick)

Mit finanzieller Unterstützung des Landes und Sponsoren soll sich die Wissenschaftstadt Darmstadt zu einer digitalen Vorzeigestadt entwickeln.

Nachdem sich die Stadt Darmstadt bereits seit 1997 „Wissenschaftsstadt“ nennen darf, gewann sie im Juni vorigen Jahres den Wettbewerb „Digitale Stadt“. Der Wettbewerb war vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund ausgelobt worden. Mit dem Gewinn verbunden sind hohe Förderungen für den Ausbau von digitalen Infrastrukturen, Behörden und Bildungseinrichtungen. Ziel ist es, die Stadt Darmstadt zu einer digitalen Vorzeigestadt zu entwickeln.

Seit dem Gewinn des Wettbewerbs ist mehr als ein Jahr vergangen. Rückblickend sagt Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne), es habe „nahegelegen“, dass sich die Stadt mit ihren Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen an dem Wettbewerb beteiligte. Sehr geholfen habe auch, dass das Land Hessen die Bewerbung nicht nur ideell, sondern auch finanziell enorm unterstützt habe. Erst kürzlich überreichte Wirtschaftsstaatssekretär Mathias Samson (Grüne) Partsch und der Geschäftsführung der inzwischen gegründeten Digitalstadt Darmstadt GmbH einen Förderbescheid über fünf Millionen Euro. Dabei verwies Samson auf die Bedeutung des Modellvorhabens. Am Beispiel der Digitalstadt Darmstadt zeige sich, „wie mit intelligenten digitalen Technologien neue Dienste für Bürger, Unternehmen und Verwaltung angeboten werden können“. Der Staatssekretär sprach bei der Übergabe des Förderbescheids etwas nebulös von einem „urbanen digitalen Ökosystem“, das in Darmstadt entstehen solle, das zugleich einen „Mehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft“ bietet und für andere Städte und Regionen als „Blaupause“ für die Entwicklung digitaler Angebote dienen könne.

Partsch bezeichnet die Digitalisierung als „Zeitenwende, die in manchem dem Wohle des Menschen dient, aber auch Nachteile und Gefahren mit sich bringt“. Die Stärke der Stadt bestehe darin, dass sich die lokale Wirtschaft und die Wissenschaft schon seit längerem intensiv mit dem Thema beschäftigten. Gleichwohl müssten bei der Digitalisierung auch die Themen Cybersicherheit und der faire Umgang mit Daten beachtet werden. Daher sei Ende vorigen Jahres nicht bloß die operativ tätige Digitalstadt GmbH gegründet worden, sondern man habe inzwischen auch einen Ethik- und Technologiebeirat etabliert, sagte Partsch.

Geleitet wird die Digitalstadt Darmstadt GmbH von José David da Torre Suárez, Heinz Joachim Fröhlich und Simone Schlosser. Da Torre Suárez, der auch Geschäftsführer des Energiemarktdienstleisters Count + Care ist, kümmert sich um den Kontakt zu den Stadtwirtschaftsunternehmen und um viele technische Themen. Fröhlich, Leiter der städtischen IT-Abteilung, widmet sich Verwaltungs- und Mobilitätsthemen. Und Schlosser fungiert als kaufmännische Geschäftsführerin.

Mit finanzieller Förderung des Landes und der Sponsoren des Bitkom-Wettbewerbs sollen künftig in Darmstadt Digitalisierungsprojekte in den mittlerweile 14 Projektbereichen entwickelt und realisiert werden. Die Palette reicht von informationstechnologischen Spezialthemen über die Themen Mobilität, Gesundheit, Sicherheit und Katastrophenschutz bis hin zu Energie, Umwelt, Handel und Tourismus, Verwaltung, Bildung, Gesellschaft und Kultur.

Partsch und da Torre Suárez sagen jedoch, es gehe bei der Entwicklung hin zur Vorzeigedigitalstadt „nicht darum, ein Feuerwerk abzubrennen und unzählige Projekte voranzutreiben, sondern darum, eine nachhaltige digitale Infrastruktur für Darmstadt aufzubauen“. Wichtig sei auch, den Dialog über die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft mit Unternehmen und den Bürgern zu führen. In Darmstadt sei die starke Vernetzung der Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Stadtverwaltung einzigartig, findet auch Samson. Digitaler Wandel könne nur dann funktionieren, wenn er sich am Bedarf der Menschen orientiere. Deshalb sei die Bürgerbeteiligung „ein entscheidender Erfolgsfaktor“, sagt der Staatssekretär, der auch am nächsten Mittwoch zum Auftakt der Bürgerinformationsveranstaltung zur digitalen Zukunft der Stadt im Darmstädter Kongresszentrum sprechen wird.

Partsch erläuterte im Gespräch mit der FR, Intention der Stadt sei, „nicht Objekt von wirtschaftlichen Interessen“ zu werden, sondern die Politik und die Stadtgesellschaft seien bestrebt, „den Prozess aktiv mitzugestalten“. Priorität habe aber auch, dass die Potenziale „sicher und fair“ genutzt werden müssten.

Nach den Worten von Geschäftsführer da Torre Suárez ist zum Beispiel geplant, mit anderen Großstädten in der Region eine neue drahtlose Netzwerktechnologie weiter auszubauen. Beim Thema Digitalisierung gebe es auch immer die Schwierigkeit, dass man „vieles nicht auf den ersten Blick sehen kann“. So gebe es schon heute in der Stadt eine Vielzahl an Sensoren und Kameras, mit denen etwa der Verkehrsfluss auf Straßen oder Ampelkreuzungen, die Füllstände von Mülltonnen oder die Temperatur und Luftfeuchtigkeit an verschiedenen Stellen gemessen und registriert würden. Der erst kürzlich neu geschaffene Unternehmensbereich Kultur sowie der Ethik- und Technologiebeirat der Digitalstadt GmbH werden Partsch zufolge „auch die kritische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Mensch und Gesellschaft thematisieren“. Wissenschaftlich begleitet wird die Digitalstadt GmbH ohnehin vom Cybersecurity-Experten Michael Waidner, der das Fraunhofer SIT leitet und an der Technischen Universität Darmstadt lehrt. Waidner fungiert zugleich als „Chief Digital Officer“ der Stadt. Er prognostiziert, dass in zehn Jahren Darmstadt zwar immer noch dieselbe Stadt sein werde wie heute. Aber die Digitalisierung werde „dazu beitragen, dass die Lebensqualität steigt und der Alltag in der Stadt reibungsloser verläuft“.

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