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Immer mehr Missbrauchsopfer in Südhessen

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Von: Annette Schlegl

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Nicht nur mit Plakaten will das Polizeipräsidium Südhessen gemeinsam mit Vereinen mehr Menschen über sexuellen Missbrauch aufklären.
Nicht nur mit Plakaten will das Polizeipräsidium Südhessen gemeinsam mit Vereinen mehr Menschen über sexuellen Missbrauch aufklären. © Michael Schick

Das Polizeipräsidium Südhessen kämpft jetzt in einer großen Kampagne gemeinsam mit Vereinen gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Kindesmissbrauch nimmt zu: Zwischen 2017 und 2021 sind dem Polizeipräsidium Südhessen elf Prozent mehr Fälle angezeigt worden. Das wiegt um so schwerer, als ein Kind bis zu acht Anläufe unternehmen, also bis zu acht Personen ansprechen muss, bis ihm ein Erwachsener den sexuellen Übergriff endlich glaubt. Das Polizeipräsidium Südhessen macht deshalb erstmals mit Vereinen gemeinsame Sache und startet eine zweijährige Kampagne gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Zunahme in Zahlen

Im Vorjahr hat das Polizeipräsidium Südhessen in 109 Missbrauchsfällen ermittelt. 2017 waren es noch 98 Fälle. Das ist ein Anstieg von elf Prozent binnen vier Jahren.

118 Kinder und Jugendliche – 79 Mädchen und 39 Jungen – wurden im Vorjahr in der Stadt Darmstadt und den Landkreisen Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Odenwald und Bergstraße Opfer sexuellen Missbrauchs. Der Unterschied zur Zahl der Fälle erklärt sich aus der Tatsache, dass in einigen Familien mehrere Kinder von sexuellen Übergriffen betroffen waren.

Rund drei Viertel aller Opfer waren weiblich. Die Täter:innen gehörten mehrheitlich entweder zur Familie und dem Verwandtenkreis oder pflegten mit dem Opfer eine Freundschaft oder Bekanntschaft. Übergriffe von Lehrer:innen, Ärzt:innen oder Trainer:innen spielten im Verantwortungsbereich des Polizeipräsidiums Südhessen kaum eine Rolle.

Die Aufklärungsquote ist hoch: Sie lag im Vorjahr bei 92 Prozent. ann

Die Rotary-Clubs der Region, die mit dem Rotary-Club Darmstadt kooperierende Kurt-und-Lilo-Werner-Stiftung sowie der Verein „Bürger und Polizei Bergstraße“ unterstützen jetzt das Polizeipräsidium dabei, sexuellen Missbrauch zu verhindern und die Täter und Täterinnen zur Rechenschaft zu ziehen. Gemeinsam starten sie die Kampagne „Brich dein Schweigen - Hinter jedem Missbrauch steckt ein Gesicht“. Von den Rotary-Clubs kommt dafür eine Anschubfinanzierung von 20 000 Euro.

Fünf-Punkte-Plan als Basis für Aktivitäten gegen sexualisierte Gewalt in Südhessen

„Kinder werden durch ihre Neugier und Unbekümmertheit leicht zu Opfern“, sagte Polizeivizepräsident Rudi Heimann am Mittwoch bei der Vorstellung der Kampagne. Die Dunkelziffer sei bei sexuellem Missbrauch leider sehr hoch. Gemeinsam mit der Darmstädter Hilfe e.V., dem Beratungsverein Wildwasser Darmstadt und dem Deutschen Kinderschutzbund, Bezirksverband Darmstadt, wollen die Initiator:innen deshalb auf Basis eines Fünf-Punkte-Plans für eine erhöhte Sensibilität in der Bevölkerung sorgen. Es geht dabei um die gesellschaftliche Enttabuisierung des Themas, um schnellere Früherkennung, um den Abbau von Kontakthemmungen zu Beratungsstellen, um die Erweiterung der niedrigschwelligen Hilfsangebote, die nicht zwangsläufig unmittelbar in ein Strafverfahren bei der Polizei münden müssen, sowie um die Verunsicherung und Identifikation der Täter und Täterinnen.

Auch das theaterpädagogische Projekt „Mein Körper gehört mir“ wird in Schulen zur Aufführung kommen.
Auch das theaterpädagogische Projekt „Mein Körper gehört mir“ wird in den Schulen zur Aufführung kommen. Am Mittwoch wurde es im Polizeipräsidium in Teilen vorgestellt. © Michael Schick

Eine im August 2020 initiierte bundesweite Breitensportstudie weist aus, dass jedes vierte Kind im Vereinssport schon mindestens einmal sexualisierte Belästigungen ohne Körperkontakt erlebt hat. Bei jedem fünften Kind kam es schon mindestens einmal zu sexualisierten Berührungen oder Handlungen gegen seinen Willen. Deshalb sind auch der Landessportbund und die Sportjugend Hessen auf dem Weg in die Kooperation.

Südhessische Kinos zeigen für Schulen Film gegen sexuellen Missbrauch

Der Aktionskatalog für die zweijährige Kampagne ist prall gefüllt. Unter anderem sind Infoveranstaltungen an Schulen, in Vereinen und Moscheen sowie für Eltern geplant, Workshops für Lehrkräfte und die Schulsozialarbeit, sowie theaterpädagogische Stücke in Bildungseinrichtungen. Im Rahmen eines Fachtags werden südhessischen Vereinen Schutzkonzepte vorgestellt, und unter dem Titel „Klick clever. Wehr dich - gegen Cybergrooming“ ist eine interaktive Ausstellung vorgesehen. Außerdem gingen E-Mails mit entsprechenden Informationen an 1300 Arztpraxen in Südhessen.

Für Schulklassen läuft der Kinofilm „Gefangen im Netz“, der die Missbrauchsgefahr beleuchtet, die im Internet lauert. Die Polizei hat entsprechende Lizenzen beim Filmverleih Kinowelt in Berlin gekauft, bekommt sie für die Kampagne zum Sonderpreis, so Michael Rühl, Fachberater Cybercrime beim Polizeipräsidium Südhessen. Neun feste Vorführungstermine sind vormittags in den Kinos in Darmstadt, Viernheim, Bensheim und Erbach gebucht, jeweils mit anschließender Information von der Polizei und Hilfsorganisationen. Die Reihe beginnt am 7. Juni mit der Vorführung im Kinopolis Darmstadt und endet am 20. Juli in den Erbacher Lichtspielen.

Vor vier Wochen hatte das Polizeipräsidium Südhessen seine polizeiliche Kriminalstatistik herausgegeben. Damals war auch von mehr Kinderpornographie die Rede.

Kein Kind kann sich alleine schützen, es ist auf Hilfe angewiesen. Flyer gegen sexuelle Gewalt geben Hilfestellung.
Kein Kind kann sich alleine schützen, es ist auf Hilfe angewiesen. Flyer gegen sexuelle Gewalt geben Hilfestellung. © Michael Schick

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