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Svenja Beck hat zwei Femizid-Versuche überlebt. Heute kämpft sie für Aufklärung.
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Svenja Beck hat zwei Femizid-Versuche überlebt. Heute kämpft sie für Aufklärung.

Missbrauch

Vom Partner geprügelt: „Ich habe nicht gemerkt, wie er sich zum Negativen verwandelte“

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Svenja Beck aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg wird jahrelang von ihrem Partner schwerst misshandelt. Jetzt hat sie eine Selbsthilfeoffensive gestartet

Schon an ihrem ersten gemeinsamen Abend erschienen ihr seine Augen irgendwie kalt, der Blick manchmal starr. „Ich sagte im Spaß: Ich glaube, du kannst ein ganz schön böser Mensch sein.“

Svenja Beck war damals 27, und ihre Intuition war richtig: Was sie in den nächsten fünf Jahren Beziehung mit „ihm“ erlebte, war die Hölle. Erst als sie zum zweiten Mal knapp dem Tod entging, als er mal wieder nach einem Streit ausgerastet war und ihren Kopf in die Toilettenschüssel drückte, schaffte sie es, ihn zu verlassen.

Heute sagt die Mutter von drei Kindern, es sei „ein Riesenfehler gewesen“, sich auf ihn einzulassen. Heute weiß sie, dass sie Opfer eines sogenannten narzisstischen Missbrauchs geworden ist, sich in einer Spirale von Gewalt und Liebenswürdigkeit, von On- und Off-Beziehung befand. Der Terminus narzisstischer Missbrauch, über den sie zufällig in einem Buch stolperte, ließ sie nicht mehr los. Jetzt will die heute 35-Jährige Verwaltungsfachangestellte ihre Geschichte bekanntmachen. Will anderen zeigen, dass es möglich ist, den Teufelskreis zu durchbrechen. Niemand brauche sich für das zu schämen, was ihm passiert sei.

Dafür hat Svenja Beck im Juni 2020 die digitale Selbsthilfegruppe „Toxische Beziehungen und Narzisstischen Missbrauch überwinden“ gegründet, die inzwischen bundesweit 3100 Mitglieder hat. In Michelstadt im Odenwald arbeitet sie mit acht Menschen in einer Gruppe. Das Erschreckende: „Es ist immer die gleiche Geschichte, egal ob sie in Köln oder München leben“, sagt Beck. Die Beziehungen verliefen stets nach dem gleichen Schema.

Beck selbst lebt im kleinen Örtchen Habitzheim im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Im Ort kennt man inzwischen ihre Geschichte, was nicht nur daran liegt, dass RTL schon über sie berichtete, sondern auch, weil sie zweimal wöchentlich bei Youtube auf Sendung geht und Vorträge hält. Auch im Hessischen Rundfunk war sie schon zu hören.

Es war im Sommer 2012, als ihr Ehemann sie überraschend verließ, berichtet Beck im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Plötzlich als Alleinerziehende mit zwei Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter dazustehen, warf sie zu Boden. Da traf sie „ihn“. Sie kannte ihn von früher, aus der Disko, vom Sehen. „Er ist ein wunderschöner Mann. Groß. Dunkelhaarig, sehr charmant“, beschreibt sie ihn. „Er sagte, er wäre für mich da.“ Er sei fürsorglich gewesen, habe für sie gekocht. „Er tat mir gut.“

Doch bald begann er Forderungen zu stellen. Zum Beispiel müsse sie den Staubsauger auch in seiner Wohnung in die Hand nehmen, wenn sie „zu ihm gehören“ wolle. Als er einmal sah, wie sie einen Labello benutzte, warf er ihn aus dem Fenster, weil er „so etwas“ nicht wolle. „Ich habe nicht gemerkt, wie er sich zum Negativen wandelte“, sagt Beck. Sie sei mit sich und ihren Kindern beschäftigt gewesen.

Einmal, im November, waren sie zusammen in Weiterstadt im Einkaufszentrum Loop-5. Beck kaufte sich Stiefel, die er als „Nuttenstiefel“ bezeichnete. Er sprach Passanten an und wollte sich von ihnen Zustimmung einholen. Er forderte seine Partnerin auf, sie solle die Schuhe zurückgeben. Doch Beck weigerte sich. Im Parkhaus schlug er ihr daraufhin ins Gesicht. „Damals bekam ich meine erste Ohrfeige“, sagt Beck. Dreieinhalb Monate nachdem sie sich kennengelernt hatten. Sie sei wütend gewesen. Doch als er sich entschuldigte, ließ sie sich darauf ein. „Da merkte ich, wie emotional abhängig ich schon von ihm war.“

„Er war hochgradig eifersüchtig“

Von da an steigerte sich das Ganze. Er engte sie immer mehr ein, war „hochgradig eifersüchtig“, hätte sie am liebsten komplett verschleiert gesehen, wie er sagte, obwohl er kein Moslem war. Dabei habe er während ihrer Beziehung, die ständig zwischen Trennung und Versöhnung schwankte, sie mit mindestens neun Frauen betrogen, von denen sie wisse. „Er schrieb mir das zu, was er selbst tat“, sagt Beck.

Irgendwann war Gewalt an der Tagesordnung. Im Winter sei sie oft mit Sonnenbrille herumgelaufen, um geschwollene Augen zu verbergen.

In seinen Wutanfällen schlug er sie grün und blau, brach ihr Rippen, riss ihr die Haare aus. Einmal schlug er ihr auf dem Parkplatz eines Supermarkts so stark ins Gesicht, dass ihre Nase brach und das Blut überallhin spritzte. Der Parkplatz sei voll von Menschen gewesen, aber sie sei so beschämt gewesen, dass sie nur noch nach Hause wollte.

Begriffserklärung, Zahlen und Hilfe

Der narzisstische Missbrauch verläuft in verschiedenen Phasen. Er beginnt mit dem Lovebombing: Das Opfer wird mit Liebe und Zuneigung überschüttet. Es folgt die Idealisierungsphase, in der das Opfer als das Beste betrachtet wird, was einem passieren konnte und auf einen Thron gesetzt wird. Als nächstes kommt die Abwertungsphase, in der die Betroffenen mit abschätzigen Kommentaren oder Beleidigungen bedacht werden. Den Schluss bildet die Entwertungssphase, in der das Opfer komplett ignoriert, womöglich verlassen wird. Dieser Kreislauf wiederholt sich immer wieder aufs Neue.

Laut der Therapeutin Shannon Thomas, Autorin des Buches „Healing from Hidden Abuse“, bleiben die Betroffenen in der Beziehung, weil sie denken, sie könnten den alten, verständnisvollen Partner wieder zurückgewinnen. Sie geben sich selbst die Schuld, wenn der Partner wütend wird. Zudem werden sie tatsächlich körperlich abhängig von ihrem Partner wie von einer Droge.

Thematisiert wird dieser psychologische Missbrauch in den Büchern „Kaltes Herz: Narzisstischen Missbrauch überwinden“ von Monika Celik und „Wie schleichendes Gift: Narzisstischen Missbrauch in Beziehungen überleben und heilen“ von Christine Merzeder.

2020 wurden in Hessen 10 013 Fälle von häuslicher Gewalt erfasst. Im Vergleich zum Vorjahr stellt dies eine Zunahme von 7,7 Prozent dar. 80 Prozent der Opfer waren Frauen.

31 Frauenhäuser mit insgesamt 727 Plätzen gibt es in Hessen. Weiterhin stehen sechs Schutzplätze für junge, volljährige Frauen zwischen 18 und 21 Jahren sowie zwei Mädchenzufluchtstellen mit insgesamt 17 Plätzen zur Verfügung.

Svenja Becks Selbsthilfegruppe Toxische Beziehungen und Narzisstischen Missbrauch überwinden ist online erreichbar unter: becksvenja.wixsite.com/website und facebook.com/svenja.beck.585

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der kostenfreien Nummer 08000 /116 016 leistet Erst- und Krisenunterstützung. Bei Gewalt gegen Frauen gibt es Rat und Hilfe rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche. Anonym, in 18 Sprachen, barrierefrei. Seit März 2013 wurden mehr als 200 000 Personen beraten.

Die HR-Filmreportage über Svenja Beck „Toxische Beziehungen – Ich überlebte zwei Femizid-Versuche“ von Antonella Berta, wird am 6. Mai ab 21.45 Uhr im HR-Fernsehen gezeigt. Zudem, ist sie in der Mediathek von HR und ARD abrufbar.

Die Organisation Weißer Ring hilft Opfern von Gewalt und Kriminalität. Erreichbar ist der Landesverband
Hessen in Frankfurt unter der Telefonnummer 069 / 233 581. Ein bundesweites Opfertelefon ist unter der Nummer 116 006 erreichbar. www.weisser-ring.de

Die Beratungsstelle Frauennotruf ist unter der Telefonnummer 069 /70 94 94 oder per E-Mail an info@frauennotrufe-hessen.de zu erreichen. Infos: www.frauennotrufe-hessen.de

Kontakt zur Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) in Kassel gibt es per Telefon 0561 /820 30 30 oder per E-Mail an zif-frauen@gmx.de. Unter autonome-frauenhaeuser-zif.de gibt es Infos. cka

Ob er cholerisch gewesen sei? Nein, betont sie. Einen Choleriker könne man einschätzen. Er sei ein Narzisst gewesen, der plötzlich ausgerastet sei, nicht die geringste Kritik vertragen habe.

Er hätte sie fast überfahren

So kam es auch 2013 zum ersten Versuch eines Femizids, wie sie es bezeichnet. Sie war mit ihm und einem ihrer Kinder im Indoorspielplatz in Seligenstadt. Dort habe es Streit gegeben, der wie immer stundenlang gedauert habe, so dass ihn irgendwann eine Frau vom Nachbartisch zur Rechenschaft gezogen habe, was ihm einfalle, so mit seiner Frau umzugehen. „Diese Kritik konnte er nicht ertragen, er wollte sofort gehen“, erinnert sich Beck.

Als sie auf dem Parkplatz ins Auto zu ihm und ihrem bereits auf dem Rücksitz sitzenden Kind steigen wollte, klingelte ihr Handy. Sie ging ran, während sie nur mit einem Bein im Auto war – und er fuhr wutentbrannt los. „Er schleifte mich über den halben Schotterweg.“ Erst als sich ihm Passanten in den Weg gestellt hätten, habe er angehalten. Sie sei dann ins Auto gestiegen, schließlich habe ihr Kind darin gesessen. Alle, die die Szene gesehen hätten, seien schockiert gewesen, aber keiner habe reagiert und die Polizei gerufen.

Trotzdem konnte sie ihn auch zu diesem Zeitpunkt nicht verlassen. Sie sei emotional abhängig gewesen. „Ich hatte Angst ihn zu verlieren, versuchte ihn immer zu verstehen“, sagt sie. Außenstehende könnten das nicht nachvollziehen. Auch sie selbst habe früher, vor der Beziehung zu ihm, immer gesagt, einen Mann, der sie schlage, würde sie sofort verlassen.

Angst verlassen zu werden

Nicht einmal ein 13 Wochen dauernder Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik 2014 brachte eine Veränderung. „Die sagten mir dort, ich hätte eine Bindungsstörung, hätte Verlust-ängste.“ Erst als die Gewalt so eskalierte, dass sie fast dabei starb, kam Hilfe von außen. Es passierte nach einem Spieleabend 2016, bei dem er verloren hatte, wie Beck berichtet. Sie seien noch lachend ins Bett gegangen, doch er sei plötzlich aufgestanden, habe seine Tasche gepackt und gesagt, er wolle sie verlassen. „Das löste bei mir so viele Ängste aus, dass ich ihn nicht gehen lassen wollte“, sagt Beck. Als sie sich an ihn klammerte, kam es zu Handgreiflichkeiten, er trat ihr in die Rippen, packte sie an den Haaren, zerrte sie zur Toilette und versuchte, ihren Kopf hineinzudrücken.

Ihr jüngstes gemeinsames Kind, zehn Wochen alt, war ebenfalls in der Wohnung. Erst als sie dabei war, das Bewusstsein zu verlieren, ließ er von ihr ab und verließ die Wohnung. Sie kam ins Krankenhaus. Selbst jetzt wollte sie ihn noch schützen. „Doch die Ärzte dort merkten es sofort.“ Sie entschied sich daraufhin bei der Polizei auszusagen.

Damals wollte Beck zum ersten mal ein Frauenhaus aufsuchen, doch es sei kein Platz gewesen, erzählt sie. Deswegen wandte sie sich an die Hilfsorganisation Weißer Ring, die sie im Weiteren unterstützte. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen schwerer Körperverletzung. Sie selbst habe mehrmals versucht, ihre Anzeige zurückzuziehen – das aber war nicht möglich. Eine Woche vor dem Prozesstermin fuhr sie mit ihm sogar noch einmal für fünf Tage in die Türkei, wo er sie erneut grün und blau schlug.

2017 kam es dann zur Verurteilung: Ein Jahr und ein Monat auf Bewährung sowie 3000 Euro Geldstrafe und die Auflage eines Antiaggressionstrainings, sagt Beck. Zu Ende war es danach noch nicht. Denn er verfolgte sie, tauchte an ihren Urlaubsorten oder vor ihrer Wohnung auf. Diese Phase dauerte laut Beck noch einmal etwa eineinhalb Jahre.

Heute hat ihr Ex-Partner, soweit Beck weiß, wieder eine Beziehung und arbeitet in Darmstadt. Von seiner inzwischen verstorbenen Mutter hat sie erfahren, dass sein Vater und seine Onkel genauso veranlagt gewesen seien. Die Mutter habe 20 Jahre unter ihrem Ehemann gelitten. Heute sagt Svenja Beck, wenn sie gewusst hätte, was mit ihr passiere, hätte sie vielleicht schneller aus dieser toxischen Beziehung herausgefunden. Deswegen habe sie sich geschworen, die Gesellschaft anhand ihrer Erlebnisse darüber aufzuklären. „Jeder hat die Kraft, es da raus zu schaffen“, sagt sie.

Für sie sei es das größte Geschenk, anderen zu helfen. Und einige aus ihrer Selbsthilfegruppe hätten ebenfalls schon den Absprung geschafft. Sie selbst habe drei Jahre und viele Therapiestunden gebraucht, um das alles zu verarbeiten. Heute sei sie ein anderer Mensch und lebe in einer ganz normalen Beziehung. Der Zuspruch, den sie erhalte, bestärke sie darin weiterzumachen.

Gewalt gegen Frauen: Engagement von Svenja Beck geht bis in die Politik

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