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Hohe Motivation, langer Atem

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Das Abendgymnasium sitzt seit 1980 in der Martin-Buber-Straße.
Das Abendgymnasium sitzt seit 1980 in der Martin-Buber-Straße. © Claus Völker

Zum 60. Geburtstag des Abendgymnasiums in Darmstadt blickt Schulleiter Werner Reith im Interview mit der Frankfurter Rundschau in die Vergangenheit zurück.

Von Wolfgang Horn

Das Abendgymnasium, 1955 gegründet, hat bewegte Zeiten hinter sich: Lange auf der Suche nach einer festen Bleibe, gelang es ihm erst 1980, sesshaft zu werden. Die inhaltliche Arbeit hat sich rasant verändert, mit auch ihr das Klientel. Im Interview spricht Schulleiter Werner Reith über alte und neue Herausforderungen.

Ihr Angebot richtet sich an Menschen, die ihre Potenziale in den vorausgegangenen Bildungswegen nicht oder nicht ausreichend ausgeschöpft haben. Inwiefern hat sich Ihr Klientel gewandelt?
Unsere Studierendenschaft hat sich sehr verändert. Die Berufsbiografien sind brüchiger, es gibt viel mehr Teilzeit- und prekäre Beschäftigungen. Früher hatten wir viel mehr abgeschlossene Berufsausbildungen, heute gibt es mehr Krankheitsgeschichten, auch psychische Probleme, die die Leute aus der Bahn geworfen hatten. Wenn heute 50 Prozent eines Jahrgangs die Hochschulzugangsberechtigung hat, gibt es für uns nicht mehr so viele Intelligenzpotenziale zu heben.

Welche Rolle nimmt das Abendgymnasium in der Darmstädter Schullandschaft ein?
Es gibt Nachholbedarfe schulischer Abschlüsse auch in Darmstadt, etwa für Zugewanderte, also Menschen mit Migrationshintergrund. Darmstadt ist Zuzugsgebiet und hat Jobs zu bieten. Junge Leute sehen, dass es hier viele Studenten und Akademiker gibt. Damit lässt sich die hohe Motivation begründen, den Abschluss nachzuholen.

Haben Sie ausreichend Lehrkräfte, oder schreckt die Aussicht auf die ungewohnten Arbeitszeiten potenzielle Lehrer ab?
Lehrer unterrichten gern am Abendgymnasium. Es gibt keine Elternarbeit, die Studierenden kommen freiwillig, bringen Berufs- und Lebenserfahrung mit. Mit 25, 26 Jahre alten Schülern kann man zum Beispiel einen Beziehungsroman oder die Arbeitswelt beziehungsweise Arbeitslosigkeit im Fach Wiso ganz anders abhandeln als mit 16-Jährigen.

Was sagen Sie zu den Überlegungen, das Abendgymnasium dem Berufsschulzentrum Nord anzugliedern?
Das Kollegium (30 Lehrkräfte; Anm. d. Red.) lehnt den Umzug einhellig ab. Zudem ist unsere Schule in der Martin-Buber-Straße 32 in den Jahren 2003 bis 2011 toll saniert worden. Warum sollten wir nach den jahrelangen Unzulänglichkeiten jetzt gerne umziehen wollen? Das Schlimme ist: Mit uns ist ja gar nicht geredet worden. Es werden jetzt Konzepte einschließlich Hessencampus präsentiert, nur waren wir nie Gesprächspartner bei deren Erarbeitung.

Sie halten den Umzug an die Alsfelder Straße also für keine sinnvolle Idee?
Natürlich könnte man sich Kooperationen vorstellen mit Berufsschulen oder im Hessencampus, aber das ist hier nicht diskutiert worden. Im vorletzten Koalitionsvertrag der CDU-FDP-Regierung in Wiesbaden stand ein Satz: Die Schulen für Erwachsene sollen in die Beruflichen Schulen integriert werden. Wir sollten zu Abteilungen der Berufsschulen werden und unsere Selbstständigkeit verlieren. Das habe ich als langjähriger Landesringsprecher der Abendgymnasien in Hessen verhindert. Wir haben den Verdacht, dass die Berufsschulen ihren demografischen Niedergang mit der Einverleibung der Schulen für Erwachsenen verlangsamen wollen.

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