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Mit der Hochzeit kam die Armut

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Cetin Yavuz wurden wegen seiner Ehefrau Gülcan die Sozialleistungen gekürzt - aber sie darf nichts zum Unterhalt beisteuern.
Cetin Yavuz wurden wegen seiner Ehefrau Gülcan die Sozialleistungen gekürzt - aber sie darf nichts zum Unterhalt beisteuern. © Hans Dieter Erlenbach

Gülcan Yavuz würde gerne für sich und ihren Mann sorgen - doch das darf sie nicht.

Cetin Yavuz und seiner Ehefrau Gülcan droht die Obdachlosigkeit. Beide machen dafür die Behörden verantwortlich, doch sie haben auch selbst Fehler gemacht. „Ich habe noch nie einen Mann so weinen sehen“, sagt die Darmstädter Anwältin, die das Ehepaar derzeit vertritt, um eine Kündigung der Wohnung zu verhindern.

Cetin Yavuz lebt seit 1966 in Deutschland. Als kleiner Junge kam er mit seinen Eltern aus der Türkei. Zwar hat der heute 55-Jährige noch immer seinen türkischen Pass und die türkische Staatsangehörigkeit. „Aber ich fühle mich als Deutscher“, sagt er. Zunächst verlief sein Leben in geordneten Bahnen. Er absolvierte in Deutschland die Schule und musste dann bei der türkischen Armee seinen Militärdienst leisten. Sieben Jahre blieb er damals in der Türkei, bevor es ihn wieder zurück nach Deutschland zog. Hier lernte er seine deutsche Frau kennen und heiratete.

Vor einigen Jahren ging die Ehe in die Brüche. Cetin Yavuz wurde arbeitslos, mit einer Behinderung von 60 Prozent ist er in seinem Alter auf dem Arbeitsmarkt kaum noch zu vermitteln. Er bezog Sozialleistungen und lebte ein bescheidenes Leben in einer kleinen Wohnung. Vor zweieinhalb Jahren lernte er bei einem Türkeiurlaub seine jetzige Frau Gülcan kennen. Die Lehrerin für Englisch und Französisch, die in ihrer Heimat auch als Dolmetscherin arbeitete, besuchte ihn regelmäßig in Deutschland, wo sie vor gut einem Jahr auch heirateten. Und damit begannen die Probleme.

"Ich will für uns sorgen"

Da Gülcan Yavuz nur mit einem drei Monate gültigen Touristenvisum einreiste, darf sie in Deutschland weder arbeiten noch erhält sie Sozialleistungen. Da sie jedoch mit ihrem Mann zusammenlebt, hat das Jobcenter ihm die Leistungen gekürzt. Eine Sprecherin des Jobcenters betonte, man müsse sich streng an das Gesetz halten. Sobald ein Hartz-IV-Bezieher mit einem Partner zusammenlebe, müsse dieser für einen Teil der Kosten für Wohnung und Unterhalt aufkommen.

Gülcan Yavuz hat sich mehrfach bemüht, beim Ausländeramt eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. „Ich will für uns sorgen“, sagt die Frau, die sehr gut Deutsch spricht und von einer Leiharbeitsfirma bereits ein Arbeitsangebot hat. Doch ohne Arbeitserlaubnis kann sie es nicht annehmen.

Knapp 10 000 Euro Schulden haben sich bei Familie Yavuz inzwischen angehäuft. Wasser und Strom wurden abgestellt. Und wegen rückständiger Miete soll nun auch noch die Wohnung gekündigt werden. Um sich eine warme Mahlzeit zuzubereiten, fahren die zwei zum Oberwaldhaus und grillen dort. In einer Teestube waschen sie sich und wärmen sich auf.

Bei den Behörden abgeblitzt

„Wir sind verzweifelt. Entweder wir landen unter eine Brücke oder wir können uns gleich umbringen“, sagt Cetin Yavuz in breitem Darmstädter Dialekt.

Denn auch beim Sozialamt sind die beiden abgeblitzt, weil Gülcan Yavuz keinen Aufenthaltsstatus hat. Sie müsste zurück in die Türkei fliegen und von dort aus einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland beantragen. Das hätte sie eigentlich schon tun müssen, bevor sie ihren Mann heiratete und beschloss, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. „Aber wir haben nicht mal Geld für die Straßenbahn, geschweige denn für einen Flug in die Türkei“, sagt Cetin Yavuz.

Die Behörden ziehen sich auf die Rechtslage zurück, obwohl zumindest das Sozialamt auch anders handeln könnte, meint die Anwältin, die die Lage des Ehepaars als nahezu aussichtslos beschreibt.

Immerhin hat das Amt nun die Kosten für Strom und Gas übernommen. Allerdings muss das Ehepaar Yavuz jetzt zehn Jahre lang jeden Monat 30 Euro abstottern. hde

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