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Hochwasserschutz: Hessens einzige Deichmeisterei steht in Biebesheim

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Von: Claudia Kabel

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Blick nach Gernsheim: Ein Deich soll verhindern, dass der Rhein bei Hochwasser das Land überschwemmt.
Blick nach Gernsheim: Ein Deich soll verhindern, dass der Rhein bei Hochwasser das Land überschwemmt. © Peter Jülich

Die Deichmeisterei in Biebesheim gehört zum RP Darmstadt. Von hier werden 145 Kilometer Deiche an Rhein und Main überwacht. Ein Besuch vor Ort.

Manche sagen, wenn sie den Begriff Deichmeisterei hören: Seid Ihr denn größenwahnsinnig? Deiche gibt’s doch nur am Meer! „Irrtum“, sagt Ingo Rothermel, Vorarbeiter in der Deichmeisterei in Biebesheim am Rhein. Deiche in einer Länge von 145 Kilometer begrenzen in Hessen Rhein und Main und ihre zahlreichen Zuflüsse im Hochwasserfall. 121 Kilometer davon sind im Besitz des Landes, und die Deichmeisterei – die einzige in Hessen – liegt in der Mitte der Deichlinie. Von dort sind Rothermel und sechs weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Pflege und Überwachung der Deiche, Pumpwerke, Durchlässe und Schließen zuständig. Außerdem werden bei Hochwasser von der Deichmeisterei aus alle Schutzmaßnahmen – die sogenannte Deichverteidigung – gesteuert.

Besuch in der Deichmeisterei in Biebesheim: Vorarbeiter Ingo Rothermel arbeitet seit mehr als 40 Jahren dort.
Besuch in der Deichmeisterei in Biebesheim: Vorarbeiter Ingo Rothermel arbeitet seit mehr als 40 Jahren dort. © Peter Jülich

Die Deichmeisterei untersteht dem Dezernat für staatlichen Wasserbau des Regierungspräsidiums Darmstadt. Dort arbeitet Valérie Kohnen und plant als derzeitige Vertreterin des Dezernenten die Sanierung und Erweiterung der Schutzbauwerke. Schon 260 Millionen Euro hat Hessen seit 1989 in die Sanierung und Erneuerung seiner Deiche gesteckt. Denn im Einzugsgebiet leben 600 000 Menschen. Bei einem extremen Hochwasser könnte ein Schaden von mehreren Milliarden Euro entstehen. Laut Kohnen sind die landeseigenen Sanierungen beendet, nun seien die kommunalen Deiche dran – etwa bei Flörsheim und Hattersheim, wo demnächst die Bürger über die Pläne informiert werden sollen.

Deichmeisterei kann im Notfall verlegt werden

Das unscheinbare Gebäude der Deichmeisterei im Kreis Groß-Gerau liegt in relativ sicherer Entfernung vom Rheinufer, dennoch gibt es die Option, sie im Hochwasserfall ins benachbarte Pfungstadt (Landkreis Darmstadt-Dieburg) zu verlegen. „Ab einem Pegelstand von 4,50 Meter an der Messstelle in Worms werden wir hier hellhörig, ab sechs Meter wird die Deichmeisterei rund um die Uhr besetzt“, sagt Rothermel. Der gelernte Maschinenschlosser arbeitet seit mehr als 40 Jahren hier. „Schöne große Hochwasser“ hat er 1985, 1988 und 1993 erlebt, sagt er. 1993 war ein Jahrhunderthochwasser des Rheins, das sich besonders heftig im Süden ab der Neckarmündung auswirkte.

Eines der schlimmsten Hochwasser ereignete sich zum Jahreswechsel 1882/83: 5440 Kubikmeter Wasser schossen pro Sekunde den Rhein hinunter. An vielen Gebäuden im Kreis Groß-Gerau, zum Beispiel in Leeheim oder Wallerstädten, sind noch die Markierungen der Wasserstände an alten Häusern zu sehen.

An Rhein und Main baut sich Hochwasser langsam auf

Anders als zum Beispiel beim Ahrtal-Hochwasser, das vor einem Jahr durch lokalen Starkregen verursacht wurde, kündigen sich die Fluten in Rhein und Main bereits Tage vorher an. Dies kann vor allem im Winter passieren, wenn der Schnee schmilzt und es gleichzeitig regnet. Doch auch im Sommer führt der Rhein regelmäßig Hochwasser, das aber weniger stark ausfällt. Deswegen gibt es auch Winter- und Sommerdeiche. Mitte Juli 2021 stieg der Pegel auf über sechs Meter. Über eine Woche war man in Alarmbereitschaft und die Deichmeisterei im Einsatz. Dann müssen nicht nur die Deiche verstärkt kontrolliert werden, sondern auch Bojen und Brückenbauwerke vor Treibgut geschützt und davon befreit werden. „Davon gibt es unglaublich viel“, sagt Rothermel. Wohnwagen und Kühlschränke hat er schon rausgeholt.

Auf dem Gelände der Deichmeisterei stehen auch Boote bereit, um die Ufer der Altrheinarme zu kontrollieren, sowie sechs Sandsackfüllmaschinen und 100 000 Sandsäcke. Außerdem gibt es einen Übungsdeich für Feuerwehr und Technisches Hilfswerk (THW) sowie einen Forschungsdeich, an dem zum Beispiel die Technische Universität Darmstadt experimentiert hat. „Sie wollten herausfinden, ob man Deiche auch mit Recyclingmaterial befüllen könnte, anstatt nur mit Lehm“, sagt Rothermel. Kann man, aber es sei zu teuer, sagt Christoph Süß, Sprecher des RP Darmstadt. Denn es dürfe nur reines – und somit teures – Material verwendet werden, auf keinen Fall dürften belastete Stoffe im Deich landen.

Bauingenurin Valérie Kohnen erklärt am Modell, warum ein Deich abrutscht.
Bauingenurin Valérie Kohnen erklärt am Modell, warum ein Deich abrutscht. © Peter Jülich

Deichmeisterei: TU Darmstadt, THW und Feuerwehr aktiv

Deshalb sind Deiche weiterhin hauptsächlich aus Lehm gebaut. Im Inneren befinden sich außerdem eine Kiesschicht sowie Schotter, der Nagetiere abhalten soll, und Röhren, über die durch Messbrunnen von oben gemessen werden kann, wie viel Wasser in den Deich eingedrungen ist.

Am Experimentierdeich, zu dem über ein dickes Rohr Wasser gepumpt werden kann, wird außerdem geprobt, wie die perfekte Bepflanzung auszusehen hat, damit das Wasser bestmöglich abgehalten wird. „Es dürfen zum Beispiel keine Bäume in der Nähe wachsen“, sagt Rothermel, weil ihre Wurzeln den Deich untergraben sowie bei Sturm umfallen und ein Loch hineinreißen könnten. Ideal sei eine geschlossene Grasnarbe, die durch regelmäßiges Mähen zweimal im Jahr entsteht. Laut Kohnen ist dafür eine Fläche von 2,7 Millionen Quadratmetern zu bearbeiten und das Mahdgut müsse abtransportiert werden. Da das die Deichmeisterei nicht allein schaffe, würden Firmen beauftragt.

Hessens Deichanlagen an Rhein und Main.
Hessens Deichanlagen an Rhein und Main. © FR Grafik / Quelle RP Darmstadt

Deichpflege: Ärger mit Spaziergängern und buddelnden Hunden

Beim Mähen der Deichböschungen gebe es indes oft Ärger, berichtet Rothermel, weil Spaziergänger:innen sich beschwerten, man solle die schönen Blumen und Gräser doch stehen lassen. „Dabei ist die Artenvielfalt da, obwohl wir mähen“, sagt Rothermel. Auch Hunde, die buddeln, sind ihm ein Dorn im Auge. Es gebe aber wenig Einsicht, dass dies für den Hochwasserschutz schlecht sei.

„Ein Deich ist ein technisches Bauwerk“, sagt der 63-Jährige – dennoch werde er oft übersehen und seine Betriebswege würden viele nur für Rad- und Spazierwege halten. Der Eindruck kann entstehen, da die Deiche ein Stück entfernt vom Ufer liegen. Dazwischen befinden sich die Retentionsflächen, also Überschwemmungsgebiete, die häufig landwirtschaftlich genutzt werden.

Auch Hochwassertouristen können Probleme verursachen, weil sie mit ihren Autos unerlaubt auf dem Deichkronenweg fahren und sich durch das Gewicht der Wall absenkt. Bei Hochwasser „ist der Deich wie Pudding“, sagt Kohnen. Deswegen dürften auch Feuerwehr und THW niemals darauf fahren. Für sie gibt es die sogenannten Deichverteidigungs- wege an den Seiten. Über diese werden im Ernstfall die Sandsäcke transportiert, die dann neben dem Deich aufgeschichtet werden. Sie sollen den Deich nicht erhöhen, wie viele denken, sondern am Fuß beschweren, damit er nicht kippt, erklärt die Bauingenieurin.

Deiche sind auf Hochwasser ausgelegt, das alle 200 Jahre eintritt

Ausgelegt sind die Deichanlagen laut RP auf ein Hochwasser, das rein statistisch alle 200 Jahre eintritt und einen Durchfluss von 6000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde hat. Darauf haben sich die Bundesländer geeinigt. „In Hessen sind wir gut aufgestellt“, sagt RP-Sprecher Süß. Trotzdem warnt er: „Der Klimawandel ist da und das nächste Hochwasser kommt bestimmt.“

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