1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Hilfe für die Seele mit Wartezeit

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Zahl der Kinder mit psychischen Problemen steigt.
Die Zahl der Kinder mit psychischen Problemen steigt. © dpa

Die zehn Plätze in der psychosomatischen Tagesklinik in Darmstadt sind stets ausgebucht. Erkrankte Kinder und Jugendliche müssen bis zu einem halben Jahr warten.

Seit fünf Jahren gibt es die psychosomatische Tagesklinik für Kinder und Jugendliche an den Kinderkliniken Prinzessin Margaret. Der Bedarf ist groß: Die zehn Plätze sind ständig ausgebucht.

Ein halbes Jahr Wartezeit kann schon mal vorkommen, sagt Oberärztin Dr. Susanne Hosenfeld, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In die Darmstädter Tagesklinik kommen Kinder – die meisten sind zwischen zehn und 18 Jahren alt – mit ganz unterschiedlichen Problemen. Viele leiden an Depressionen, sozialen Ängsten und Essstörungen, manche haben auch Somatisierungsstörungen. Das heißt, sie leiden beispielsweise unter Bauch- oder Kopfschmerzen, ohne dass es dafür medizinische Gründe gibt. „Häufig kommt es auch vor, dass die Kinder, bevor sie zu uns kommen, monatelang nicht mehr in der Schule waren“, erzählt Susanne Hosenfeld.

Die Tagesklinik zählt zu den niedrigschwelligen Angeboten, da die Kinder abends und an den Wochenenden nach Hause gehen können. Viele Familien schämten sich auch vor Nachbarn und Freunden, wenn ihre Kinder psychiatrische Hilfe brauchen. „Die Ängste sind oft sehr groß, allein das Wort Psychiatrie schreckt viele ab“, sagt Susanne Hosenfeld.

Den Kindern Ängste nehmen

Um in die Tagesklinik aufgenommen zu werden, ist eine Einweisung durch den Kinder- oder Hausarzt notwendig, die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. Oftmals sind die Kinder zuvor auch wegen körperlichen Beschwerden an den Kinderkliniken behandelt und von den Ärzten dann weiter an die Tagesklinik verwiesen worden. Ein ähnliches Angebot gibt es in Riedstadt für Kinder im Alter bis zwölf Jahre.

In Darmstadt kümmern sich sechs Betreuer und vier Psychologen tagsüber von acht bis 16 Uhr um die Patienten. Es gibt ein großes therapeutisches Angebot. „Jedes Kind hat mindestens drei Therapiestunden pro Woche“, sagt die Krankenschwester und stellvertretende Stationsleiterin Elke Theisen. Die restliche Zeit verbringen die Kinder und Jugendlichen mit dem Betreuerteam, das aus Krankenschwestern, Erzieherinnen, Sport-, Bewegungs und Kreativtherapeuten besteht.

„Das ist keine Freizeitaufbewahrung, die wir hier machen“, erklärt Susanne Hosenfeld. Es gehe vielmehr darum, den Tag zu strukturieren und den Kindern für ihr Alter entsprechende Angebote zu machen. Dazu stehen die Betreuer in engem Kontakt mit den Therapeuten. Beispielsweise geht es bei den Aktivitäten darum, den Kindern Ängste zu nehmen – und das möglichst nahe am Alltag. „Wir üben etwa das Busfahren oder das Einkaufen“, erzählt Elke Theisen. Drei bis vier Monate bleiben die Kinder im Schnitt in der Tagesklinik.

In dieser Zeit haben sie auch zwei Doppelstunden Einzelunterricht am Tag in der Klinikschule, damit sie nicht allzu viel Lehrstoff verpassen. Und auch die Eltern werden in die Therapie eingebunden. „Wir werden oft angesprochen und angerufen, wenn es zu Hause Probleme gibt“, erzählt Elke Theisen. Ein regelmäßiger Austausch mit der ganzen Familie sei wichtig.

Mit den Ergebnissen ist die Oberärztin ganz zufrieden. Allerdings hat sie keine genauen Zahlen, wie gut oder schlecht die Betreuung angeschlagen hat. Dazu ist die Rückmeldequote vonseiten der Patienten und ihrer Familien zu gering, so Susanne Hosenfeld. „Oft kommt der Erfolg auch erst einige Zeit später“, erzählt die Ärztin.

Allerdings dauere es nach der Entlassung aus der Tagesklinik oft einige Zeit, bis die Kinder einen Therapeuten finden, der sie ambulant behandelt. „Offiziell ist Darmstadt in diesem Sektor überversorgt“, sagt die Psychologin Simone Bruder, die Kinder an der Psychosomatischen Tagesklinik begleitet. „Die Planung geht an der Realität vorbei.“

Der Engpass im ambulanten System wird in den kommenden Jahren eher zunehmen. Denn: Seelische Erkrankungen zählen laut dem Hessischen Gesundheitsbericht für 2016 zu den häufigsten Krankheiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts weisen 20 Prozent der unter 18-Jährigen psychische Auffälligkeiten auf. Zehn Prozent zeigen deutlich erkennbare psychische Störungen. (hin)

Zum fünfjährigen Bestehen lädt das Team der Tagesklinik Fachpersonal am Freitag, 17. Juni, von 15.30 bis 18 Uhr zu einer Fortbildungsveranstaltung ein. Interessenten können sich per E-Mail melden (britta.opel@alice-hospital.de). Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Auch interessant

Kommentare