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Hier wird Avantgarde gemacht

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Auf dem ältesten Platz des Martinsviertels haben sich am Samstag zahlreiche Stadtteilliebhaber zum Kantplatzfest getroffen.
Auf dem ältesten Platz des Martinsviertels haben sich am Samstag zahlreiche Stadtteilliebhaber zum Kantplatzfest getroffen. © Claus Völker

Das Martinsviertel besteht seit 425 Jahren / Keimzelle der Bürgerbeteiligung.

Der Oberbürgermeister mag den Präsidenten der TU Darmstadt, Hans Jürgen Prömel (nicht anwesend) mit Kanzler Manfred Efinger (anwesend) verwechseln, ihm obendrein einen Professorentitel verleihen (Efinger ist promoviert) und der Partnerstadt Troyes einen mit dem Quartier verbandelten Stadtteil namens St. Michel (richtig: St. Martin) andichten. Aber in einem hat er unbedingt recht: „Wer jetzt noch nicht begriffen hat, dass das Martinsviertel was Besonderes ist – die eigentliche Avantgarde Darmstadts wird hier gemacht, da können die Bessunger machen, was sie wollen.“

Dies spricht Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) am Samstag im Hörsaal des aufwendig sanierten Maschinenhauses der TU an der Magdalenenstraße. Und das Publikum beim Festakt zur 425-Jahr-Feier des Martinsviertels mag keinesfalls widersprechen.

Wurde es doch soeben Zeuge eines Auftritts der recht eigenwilligen Chorformation „Sangesfreunde Martinsviertel“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „populäres Liedgut aus den Bereichen Punk, Metal und Underground“ zu Gehör zu bringen, wie Mitglied Torsten Jahr verkündet. Eine Formation übrigens, „für Leute, die gern laut singen, aber nicht jeden Ton treffen“.

Im Galopp durch Sanierungsgeschichte

Einen Bad-Religion- und einen Pantera-Song später wissen alle, was er meint – mit dem Laut-singen. Schräg ist es ohnehin immer.

Festakt auf Stadtteilebene, das bedeutet Rück- und Ausblick, größere und kleinere Geschichte und, wenn vorhanden, auch immer Mundart. In Darmstadt ist dafür einer zuständig: Günter Körner, der „Riwwelmaddhes“ und seines Zeichens Watzunger oder Labbingsverddler, jedenfalls in Bessungen geboren und im ältesten echten – nicht irgendwann eingemeindeten – Stadtteil wohnhaft.

Der Riwwelmaddhes reimt, stellt die Buggel- und Deichlandschaft im Bürgerpark vor, und dem Watzeverddler wird’s wieder warm ums Herz, nachdem zuvor OB Partsch, nun in der Spur, durch 50 Jahre Sanierungsgeschichte galoppiert war.

1969 drohte das im Krieg nicht übermäßig zerstörte Quartier mit seinen 18 000 Einwohnern auf 65 Hektar Fläche zu verelenden. Zugebaute Blockinnenräume, wenig Licht und Luft und kein Platz für Kinder. Partsch: „Die Lebensqualität war schlecht.“ 1965 wurde das Martinsviertel als Modellgebiet zur Sanierung ausgewiesen – bis heute eines der größten der Republik.

Unter Sanierung verstand man damals nicht Bestandsaufwertung, sondern rücksichtslose Neuordnung: „Alte Häuser weg, breite Straßen her“, nennt es Partsch, die Osttangente sollte Heinheimer und Arheilger Straße ersetzen, an der mehrspurigen Ausfallstraße sollte die damalige TH mit einer Reihe schicker Institutsgebäude expandieren können.

Aus dieser Zeit resultiert das einst schlechte Verhältnis zwischen Hochschule und Martinsviertel. Die Stadt kaufte jede Menge Häuser auf dem projektierten Osttangente-Streifen auf, hatte allerdings nicht mit dem Widerstand ihrer Bürger gerechnet. Insofern ist das Martinsviertel auch die Keimzelle von Bürgerbeteiligung.

Kanzler Efinger sprach von den Schmuckstücken, die hier jüngst entstanden, vom Maschinen- übers Kinderhaus bis zur Universitäts- und Landesbibliothek. Einen Ausblick gibt er auch: Der Pützerturm in der Hochschulstraße, 1953 schmählich seiner im Krieg beschädigten Metallhaube und neun Meter Höhe beraubt, erhält einen neuen Hörsaal. Und einen neuen Deckel. (rwb)

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