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Hexenverfolgung in Dieburg – Erinnerungen in Schloss Fechenbach

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Von: Claudia Kabel

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Im Verlies im unteren Teil des Mühlturms in Dieburg waren Opfer der Hexenprozesse eingekerkert.
Im Verlies im unteren Teil des Mühlturms waren Opfer der Hexenprozesse eingekerkert. © Claudia Kabel

Eine Ausstellung im Museum Schloss Fechenbach beleuchtet die dunkle Geschichte der
Hexenprozesse in Dieburg. Der Impuls zur Verfolgung kam aus der Bevölkerung. Die Namenslisten der Opfer sind öffentlich.

Wer schon mal in Dieburg auf der Straßenfastnacht war, kennt das „Mephisto“ in der Zuckerstraße. Das Café ist dann üblicherweise gerammelt voll, und kaum einer ahnt, dass das Gebäude das erste Rathaus des Ortes und sein späterer Besitzer, Schustermeister und Ratsmitglied Phillipus Kretzer, am 18. Oktober 1627 als Hexer verbrannt wurde, zusammen mit seiner Ehefrau Margaretha. Ihre Kinder folgten kurz darauf auf den Scheiterhaufen. Kretzers Name und Berufsbezeichnung sind am Gebäude noch als Inschrift zu lesen.

Jetzt weckt die Ausstellung „Beschuldigt, gefoltert, gebrannt. Hexenprozesse in Dieburg 1596-1630“ im Museum Schloss Fechenbach die Erinnerungen an dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte, das selbst vor der Hinrichtung achtjähriger Kinder wie Anna Masius nicht haltmachte. 200 Menschen, meist Frauen, wurden innerhalb von 34 Jahren hingerichtet, zahlreiche weitere Personen angeklagt – und das in einem Ort, der nur etwa 1800 Einwohner:innen hatte.

Links ein original Richtschwert, das in Dieburg zum Einsatz kam; daneben eine Kopie mit Gravur.
Links ein original Richtschwert, das in Dieburg zum Einsatz kam; daneben eine Kopie mit Gravur. © Rolf Oeser

Zwar fanden in Wellen auch andernorts Hexenverfolgungen statt, herausragend aber ist in Dieburg im südhessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg, dass so viele Dokumente existieren. „In keinem anderen Ort sind Akten noch in so großer Anzahl erhalten“, teilt die Stadt mit. Mehrere Bücher zum Thema wurden verfasst, im Internet sind die Namen der Opfer veröffentlicht. „Die Namenslisten der Opfer sind seit 1990 bekannt“, sagt der kommissarische Museumsleiter Lothar Lammer. „Viele Dieburger Familien sagen: ‚Mein Urahn war Opfer der Hexenverfolgung’“. So seien auch heute noch existierende Wohnhäuser der Beschuldigten belegt, die in verschiedenen Quellen genannt werden.

Folterinstinstrumente und virtuelle Führungen

Lammer hat gemeinsam mit Karin Zuleger die noch bis 5. Juni laufende Sonderschau kuratiert. Dazu sichteten sie Hunderte Akten, die zum größten Teil in Mainz und teilweise in Würzburg in Archiven ruhen. Auch Leihstücke wurden herbeigeschafft, etwa das Richtschwert des Scharfrichters Nord aus dem 16. Jahrhundert oder Bildstöcke der bischöflichen Kurfürsten in Mainz. Auch Folterinstrumente sind zu sehen: Bein- und Daumenschrauben, Fesseln und Pranger. Ein Pestsarg von 1600 ist ein Prunkstück der Ausstellung, und symbolisiert das Ende der Hexenverfolgung in Dieburg.

„Die Ausstellung wirkt vor allem in Kombination mit ihrem Begleitprogramm“, sagt Lammer. So finden virtuelle Führungen zu historischen Orten und Prozessen statt, Filmvorführungen, Vorträge und Stadtführungen werden veranstaltet. Für Kinder gibt es eine Leseecke mit Hexenbüchern, und die Dieburger Autorin Yvonne Giehl wird aus ihrem Kinderbuch „Die kleine Hexe Ramsamsam“ lesen.

Aus keinem anderen Ort sind so viele Akten erhalten wie aus Dieburg.
Aus keinem anderen Ort sind so viele Akten erhalten wie aus Dieburg. © ROLF OESER

Die Zeichnung einer kleinen Hexe mit Besen, wie man sie sich heute vorstellt, ist auch auf einem der ausgestellten Verhörprotokolle von 1627 zu sehen. Es sei die einzige Darstellung dieser Art, sagt Lammer. Ob die Skizze wirklich von damals stammt oder später eingefügt wurde, wisse man nicht. Aber man habe die „Dieburger kleine Hexe“ als Logo verwendet.

Führungen und Vorträge, eine Auswahl

Stadtrundgang zu Orten der Hexenprozesse in Dieburg am Freitag, 25. März, 17 bis 18 Uhr. Treffpunkt: Museum, Eulengasse 8. Kosten 3 Euro.

Lesung für Kinder „Die kleine Hexe Ramsamsam“ mit Yvonne Giehl am Samstag, 26. März, 15 bis 16 Uhr. Eintritt für Kinder frei.

Hexenprozess der Familie Kretzer als virtuelle Präsentation am Sonntag, 10. April, 11 bis 17 Uhr, Museum Schloss Fechenbach. Eintritt 3 Euro, Kinder/Jugendliche bis 15 Jahre frei.
Vortrag von Helena Geitz zu Kirche und Magie im frühen Mittelalter am Freitag, 22. April, um 18 Uhr.

Eine Anmeldung ist zu allen Veranstaltungen erforderlich: Telefon 06071/20 02 460 oder E-Mail info@museum-schloss-fechenbach.de

Geöffnet ist die Ausstellung Donnerstag bis Samstag 14 bis 17 Uhr; Sonn- und Feiertage 11 bis 17 Uhr. Zu sehen ist die Schau bis 5. Juni 2022

Gesamtes Programm unter www.museum-schloss-fechenbach.de

Schwarze, lebensgroße Silhouetten zeichnen die Gestalten der Opfer nach. Elf Fälle stellt die Ausstellung exemplarisch vor. Zum Beispiel den von Anna Padt, der Witwe des Töpfers Martin Padt. Ihr Fall gilt als einer der wichtigsten, das Verhör soll demnächst vertont werden. Bereits ihre Mutter wurde 1607 als Hexe verbrannt. Am 26. Juni 1627 wurde Anna Padt verhört und am 7. Juli hingerichtet. Unter Folter gab sie 100 Mitschuldige an, die mit ihr einen Hexensabbat gefeiert haben sollen, sagt Lammer. Dadurch sei es zu einer Serie neuer Prozesse und Hinrichtungen gekommen.

Dieburg: Manche Wohnhäuser der Opfer der Hexenverfolgung stehen noch

Im Stadtgebiet finden sich noch zahlreiche Bauten, die in Zusammenhang mit den Prozessen stehen, an denen Verhöre stattfanden, ebenso wie Stellen, an denen die Angeklagten gefangen gehalten wurden. Schon die Einkerkerung im 1965 gesprengten Hexenturm oder dem heute noch erhaltenen Mühlturm war Teil der Folter: ohne Licht, Luft und Wärme bei Wasser und Brot.

Die Hinrichtungen fanden am Zentgalgen außerhalb des Ortes, in der Nähe des benachbarten Münster statt. „Es gab Wünsche aus der Dieburger Bevölkerung, dass die Verbrennung der Hexen auf dem Marktplatz erfolgen sollte“, sagt Lammer. Dies habe die Obrigkeit allerdings aus Brandschutzgründen abgelehnt. Zudem seien die Verurteilten bereits enthauptet gewesen, bevor man sie auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Damit habe man vermeiden wollen, dass es zu Unruhen in der Bevölkerung kommt und womöglich weitere Personen denunziert werden.

Gerät zur peinlichen Befragung, dahinter Silhouetten der Opfer.
Gerät zur peinlichen Befragung, dahinter Silhouetten der Opfer. © Rolf Oeser

„Der Impuls zur Hexenverfolgung in Dieburg ging vor allem von der Bevölkerung aus“, sagt Lammer. Von den Mainzer Kurfürsten habe sie keiner massiv betrieben.

Oft hätten Nachbarschaftsstreitigkeiten Anzeigen wegen Zauberei ausgelöst. So führte 1596 der Streit um eine gemeinsame Zufahrt und um die Ableitung der Abwässer der Anwesen des Zieglers Ewald Schütz und des Ratsverwandten Martin Stoffel im Vorort Mönfeld zu den Anfängen der Hexenverfolgung in Dieburg.

Dieburg: Bürgermeister will Erinnerung und Mahnung thematisieren

Auch angesehene Bürger:innen waren betroffen. Dabei musste jeder Prozess vom Kurfürsten per Bote genehmigt werden. Als die Pest immer mehr Todesopfer forderte, wurde verfügt, dass nun die Denunzianten bestraft wurden, berichtet Lammer. „So markiert in Dieburg, anders als in anderen Orten, die Pest nicht den Beginn der Hexenprozesse, sondern 1630 deren Ende.“

Die Ausstellung werde das Bewusstsein auf dieses dunkle Kapitel sicher auf eine neue Art schärfen, hofft Karin Zuleger. Wichtig sei, den Opfern Namen zu geben und ihre leidvolle Geschichte zu erzählen. „Für die Wenigsten war diese Schreckenszeit bisher ein Thema, mit dem sie sich auseinandergesetzt haben.“ Auch in den Schulen spielte es kaum eine Rolle. Bürgermeister Frank Haus (parteilos) habe angekündigt, ein Symbol der Erinnerung und Mahnung in den politischen Gremien zu thematisieren.

Interview: Pfarrer Hartmut Hegeler setzt sich bei der katholischen Kirche für die Rehabilitierung der Opfer von Hexenverfolgung ein. Das Thema sei heute so aktuell wie damals.

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