1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Ein Herz für die Revolution

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Der Weltladen an der Elisabethenstraße ist Treffpunkt der Lateinamerika-Freunde.
Der Weltladen an der Elisabethenstraße ist Treffpunkt der Lateinamerika-Freunde. © Claus Völker

Ein Vierteljahrhundert Nicaragua-Hilfe liegt hinter Reinhard Bartmann, Helen Schneider und Gerhard Franke.1985 haben sie in Darmstadt die Sandino-Partnerschaft gegründet.

Der Verein war aus Solidarität zum von der Gewaltherrschaft Anastasio Somozas befreiten Land entstanden. 1979 hatten die Sandinisten den Diktator gestürzt. Die sandinistische Revolution hatte ein großes, gefühliges Echo auch in Westeuropa. Das neue Nicaragua wurde von den paramilitärischen Contras bedroht, militärisch wie finanziell von den USA unterstützt. Überall gab es Initiativen wie die Sandino-Partnerschaft, die sich für den kleinen Mittelamerika-Staat einsetzten.

In 25 Jahren ist viel passiert. „Damals gab es mit Ronald Reagan, dem republikanischen US-Präsidenten, ein klares Feindbild“, sagt Schneider. „Gegen den US-Staatsterrorismus“, stand auf Transparenten, die 1986 durch Darmstadt getragen wurden. Gegen den rechtskonservativ und kontrarevolutionär auftretenden Reagan nahm sich der schnauzbärtige Präsident Nicaraguas, Daniel Ortega, wie eine reformerisch runderneuerte Reinkarnation Che Guevaras aus, schnell idealisiert als Leuchtturm der Demokratie in Lateinamerika.

Benefiz-Fußball mit dem OB

„Hilfe zur Selbsthilfe für Nicaragua, das war unser erstes Ziel“, sagt Bartmann. Ausgesucht hierfür hatte man sich die Gemeinde Ciudad Sandino bei Managua. Und für das breit akzeptierte Vorhaben der konkreten ehrenamtlichen Hilfe konnte der Verein in den 80ern auch viele Unterstützer gewinnen. Auch korporativ-institutionelle Mitglieder gab es. Kirchengemeinden stiegen mit ein, die Stadtverordnetenfraktion der Grünen, die Jungsozialisten, der Landkreis Darmstadt-Dieburg, Gewerkschaftsgruppen. Die Unterstützung bröckelte über die zweieinhalb Jahrzehnte von den meisten Seiten wieder ab. An Einzelmitgliedern zählt der Verein heute noch 60 Personen.

Leidiges Thema über die Jahre, wenig überraschend: Woher kommt das Geld? Dazu ließ sich der Verein einiges einfallen. Zum Beispiel das Benefiz-Fußballturnier Copa Sandino, viermal ausgetragen zwischen 1986 und 1989, mal am Böllenfalltor, mal auf dem Sportgelände in der Heimstättensiedlung. 1986 waren 30 Teams dabei. Walter Hoffmann, heute SPD-Oberbürgermeister, damals DGB-Funktionär, kickte in einer Gewerkschaftsmannschaft für den guten Zweck. Die Teams zahlten 50 Mark Startgeld, der Erlös wurde in Projekte in Ciudad Sandino gesteckt.

„Nicaragua ist heute kein öffentliches Thema mehr“, bedauert Bartmann. „Afrika steht bei jungen Leuten viel mehr im Fokus“, ergänzt Schneider. „Alle aber, die zwei- oder dreimal in Ciudad Sandino waren, haben Freundschaften geknüpft, das trägt und prägt“, resümiert Gerhard Franke.

Alle drei bewerten das heutige Nicaragua – seit 2007 zum zweiten Mal von Daniel Ortega regiert – „sehr kritisch“. Galt das neue Nicaragua einst als frei, links und emanzipatorisch, ist es heute gezeichnet vom schwierigen wirtschaftlichen Alltag und dem Alleinvertretungsanspruchs der Sandinisten. „Machterhaltung ist das zentrale Thema“, sagt Schneider. Die Zivilgesellschaft werde eingeengt, Vielfalt behindert, eine mafiöse Struktur riskiert.

Dennoch will der Verein weiter machen. Fast trotzig. Will auch 50 werden. Ein Tanztheater-Projekt soll realisiert werden, um die Managua-Jugend von der Straße zu holen, zu bilden, zu motivieren. „Wär’ schon klasse, wenn da jemand einsteigen würde“, sagt Bartmann. ( phg)

Auch interessant

Kommentare