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Oma Hertha sei Dank

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120 Kilogramm Sprengstoff  schlummerten in diesem Geschoss.
120 Kilogramm Sprengstoff schlummerten in diesem Geschoss. © Karl-Heinz Bärtl

Jahrzehntelang ignorierten die Behörden Hinweise von Zeitzeugen. Doch die blieben beharrlich. Und so wurde gestern in Pfungstadt eine Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft.

Eine Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg hat gestern für mehrere Stunden zum Ausnahmezustand im Pfungstädter Ortsteil Hahn gesorgt. Das Geschoss, in dem 120 Kilogramm Sprengstoff steckten, hätte bei einer Explosion einen 15 Meter tiefen Krater reißen und Häuser dem Erdboden gleichmachen können.

Die Bombe wurde schon länger auf dem Anwesen der Bauersfamilie Schaffner an der Gernsheimer Straße vermutet. Erst jetzt sahen sich die Behörden aber zum Handeln veranlasst. Zeitzeugen hatten nicht locker gelassen und angesichts von Bauarbeiten an der Hauptstraße auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Gestern rückte der Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidiums Darmstadt aus. Ab 9 Uhr wurden 29 Häuser evakuiert, darunter eine Bäckerei, ein Friseur und eine Krabbelstube.

Nach einem dumpfen Knall gab es gegen 13 Uhr schließlich Entwarnung: Die ferngezündete Sprengpatrone des Entschärfungsgeräts hatte ihre Arbeit getan. Ein Bagger hievte die Bombe auf einen Lastwagen. Als Gefahrguttransport gelangte das Weltkriegsrelikt am Nachmittag zur Kampfmittelbeseitigungsanlage nach Mittelhessen. Dort wird die Bombe untersucht.

Ein klassischer Blindgänger

Familie Schaffner sah sich am Dienstag auf ganzer Linie rehabilitiert und bestätigt. In der Pfungstädter Stadtverwaltung habe man immer wieder geschmunzelt, wenn in den vergangenen Jahren das Gespräch auf den Blindgänger gekommen sei, sagen die Landwirte. „Man hat uns nicht ernst genommen.“ Dabei hatte Großmutter Hertha Schaffner (90) den Abwurf der Bombe im März 1945 miterlebt. Sie streifte das Hausdach, zerriss die Wasserleitung, explodierte aber nicht, sondern blieb tief im Boden stecken. „Ein Blindgänger halt“, sagten die Menschen damals und schoben das Loch wieder zu.

Vor wenigen Jahren bei der Erneuerung der Hofeinfahrt wurde mit einem Presslufthammer nur wenige Zentimeter über dem Bombenkopf hantiert, erinnern sich die Bauern. Dirk Schaffner läuft es bei dem Gedanken kalt über den Rücken. Er ist es, der die Sache in den vergangenen Wochen ins Rollen brachte. Eine Bemerkung seiner Oma schreckte ihn auf: Angesichts der Erschütterungen bei den aktuellen Straßenbauarbeiten fragte sich die betagte Frau, was wohl die alte Bombe dazu sagen werde.

„Ich habe dann nochmal richtig Druck bei der Stadt gemacht“, sagt Dirk Schaffner. „Ich habe die Verantwortlichen gefragt, ob sie das alles mit ihrem Gewissen vereinbaren können.“ Auch für Richard Kramer (77), der den Bombenabwurf in Hahn als 13-Jähriger miterlebte, war nun erneut die Stunde der Wahrheit gekommen: „Schon vier Mal habe ich die Bombe bei der Stadt reklamiert, das erste Mal vor 20 Jahren“, erzählt er. Diesmal erreichte der Vorstoß jedoch nicht nur die Stadt Pfungstadt, sondern auch den Kampfmittelräumdienst. Und als von dort der Gefahrenexperte Gerhard Gossens kam, fühlten sich die Zeitzeugen zum ersten Mal wirklich verstanden.

„Wir nehmen solche Hinweise aus der Bevölkerung sehr ernst“, sagt Gossens, der selbst zunächst skeptisch war. In den Luftaufnahmen der Alliierten fanden sich keine Hinweise auf Bombenabwürfe an dieser Stelle. Weil Kramer aber die Abwurfstelle sehr präzise beschrieb, ließ Gossens Spezialisten mit Sonden kommen. Die Geräte stellten eine magnetische Anomalie in drei Meter Tiefe fest – ein klarer Hinweis auf die Bombe.

Als die Arbeiter die Stelle am Montag freigelegt hatten, sahen sie das Geschoss im Boden stecken. „16 Millimeter Stahlmantel, Sprengstoffgemische aus TNT und Hexogen, zwei mechanische Aufschlagzünder“, stellte Gossens fest. „Aber zum Glück kein kritisches Zündsystem“.( sami)

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