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Um die Burg Frankenstein ranken sich viele Mythen, Legenden und Behauptungen.

Mühltal

Eine Burg, zwei Ansichten

Der Geschichtsverein Eberstadt/Frankenstein übt harsche Kritik an einem Buch zur Historie des Frankensteins. Im Kampf gegen vermeintliche Fantasiegeschichten holt er sich wissenschaftliche Unterstützung.

Im Kampf gegen vermeintliche Fantasiegeschichten über die Burg Frankenstein hat sich der Geschichtsverein Eberstadt/Frankenstein jetzt in einer Broschüre wissenschaftliche Unterstützung geholt. „Dreiste Behauptungen, mit denen Leute veralbert werden. Erfundene Beweise. Unkenntnis wichtiger Fakten über Burg Frankenstein und allenfalls amüsante Unterhaltungslektüre“ – Das Urteil des Geschichtsvereins Eberstadt/Frankenstein ist drastisch.

Zumindest, wenn es um die Nachforschungen geht, mit denen Journalist und Autor Walter Scheele (70) aus Pfungstadt regelmäßig für Aufsehen sorgt. Mit seinem aktuellen Buch „Burg Frankenstein – eine Zeitreise“ ist die Kritik jetzt erneut entflammt. Scheele schreibt in seinem 136 Seiten dicken Werk zum Beispiel, dass der Raketeningeniuer Wernher von Braun Ende des Zweiten Weltkriegs auf Burg Frankenstein Raketentests vorgenommen haben soll. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger soll damals in dieser Angelegenheit auch auf Burg Frankenstein gewesen sein.

Mit seiner wohl bekanntesten Behauptung, die Romanautorin Mary Shelley sei im Jahr 1814 auf Burg Frankenstein gewesen und dort zu ihrem Weltroman „Frankenstein – der moderne Prometheus“ (1816) inspiriert worden, erzürnt Mitglieder des Geschichtsvereins seit Jahren. Der Verein hat jetzt eine Broschüre herausgebracht, die mit den sechs bekanntesten Geschichten rund um die Burg aufräumen soll.

Behilflich waren dem Verein Historiker deutscher Universitäten und Institutionen. Die Forschung sei sich demnach einig, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass Mary Shelley jemals auf der Burg war oder diese aus der Ferne gesehen haben könnte. Belegt sei zwar eine Reise Shelleys, bei der sie 1814 in Gernsheim nächtigte und auch die Bergstraße passierte. Von der Burg Frankenstein sei in ihren Tagebuchaufzeichnungen aber nicht die Rede. Es existierten laut der Broschüre auch keinerlei Hinweise, dass die Brüder Grimm ihrer englischen Übersetzerin, der Stiefmutter von Mary Shelley, die Geschichte geschrieben hätten. Auch war Konrad Dippel kein Leichenfledderer. Der Naturwissenschaftler und Theologe wurde zwar auf der Burg geboren und besaß auch ein Labor, allerdings sei Dippel eher an der Herstellung von Gold interessiert gewesen.

Autor mit dickem Fell

Alle Fachleute, die der Geschichtsverein um Stellungnahme gebeten hat, seien sich einig: „Die Geschichten rund um die Burg Frankenstein sind durchweg unbewiesene Behauptungen und offensichtliche Falschaussagen.“ Auch die Behauptung, Wernher von Braun sei auf Burg Frankenstein gewesen, sei an den Haaren herbeigezogen. Der emeritierte Professor Rainer Eisfeld von der Universität Osnabrück kommt nach Prüfung von Walter Scheeles Aussagen zum Resümee: „Nichts ist wirklich nachprüfbar. Infolge der durchgängigen methodischen Defizite und gravierenden inhaltlichen Falschaussagen handelt es sich bei Scheeles Buch um pseudowissenschaftliche Sensationshascherei.“

Für Walter Scheele, der auch Führungen auf Burg Frankenstein anbietet, ist es indes nicht neu, dass er so harsch angegangen wird. Er habe sich längst ein dickes Fell zugelegt. Scheele bleibt bei seinen Darstellungen. „Mein Wissen habe ich aus Originaldokumenten und aus vielen Gesprächen und Nachforschungen.“ Internationales Interesse, Fernsehdokumentationen über seine Recherchen und Interviews mit Zeitzeugen und Nachkommen geben ihm Recht, sagt Scheele. Anders als der Geschichtsverein habe er sein jüngstes Werk nicht im 200. Jahr nach Entstehung von Mary Shelleys Roman veröffentlicht, sondern einige Wochen davor. Auf diesen Zug wolle er nicht aufspringen, sagte er.

Die Auseinandersetzung mit dem Geschichtsverein sei seine Sache nicht. „Ich argumentiere sachlich. Die Art und Weise, wie ich angegangen werde, entspricht nicht meinem Stil.“ Scheele betont, dass er ebensowenig wie der Geschichtsverein garantieren könne, immer mit allen Darstellungen richtig zu liegen.

Seine Motivation bleibe dennoch, „die Wahrheit hinter den Geschichten zu finden“, wie er sagte. Die Broschüre „Sechs Irrtümer zum Frankenstein – was Historiker dazu sagen“ umfasst 20 Seiten und ist kostenlos beim Geschichtsverein Eberstadt/Frankenstein erhältlich. Die Publikationen von Walter Scheele sind im Societaets-Verlag erschienen und auch im Online-Handel erhältlich. (eda)

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