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Heiß aufs eisige Wasser

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Die aktuellen Temperaturen lassen Gustav (links) und Waldemar Meierl kalt.
Die aktuellen Temperaturen lassen Gustav (links) und Waldemar Meierl kalt. © Robert Heiler

Die beiden Meierl-Brüder frönen dem Winterschwimmen im Rhein. Sie sind in guter Gesellschaft. Schon Goethe hat das Eis der Ilm aufgehackt, um im kalten Wasser zu baden.

Winter 2004 an der „Insel“. Zwei Männer sind dabei, in die gerade einmal acht Grad kühlen Fluten des Rheins zu steigen. Da wird ein Spaziergänger rabiat: „Was macht ihr denn da? Raus aus dem Wasser! Ich hole die Polizei!“ Der Mann mit Hund hatte es gut gemeint, wollte er doch vermeintliche Selbstmörder vor dem Tod retten. Die Meierl-Brüder allerdings waren gerade dabei, ihr kaltes Hobby zu entdecken: Eisbaden, wie der 67 Jahre alte Waldemar sagt, oder Winterschwimmen, wie der 61 Jahre alte Gustav es nennt.

Im Osten Deutschlands ist das Hobby weit verbreitet: Eisheilige, Seelöwen, Eiszapfen oder auch Seehunde und Pinguine nennen sich die Sportgemeinschaften, die es betreiben. Sie sind durchaus in guter Gesellschaft: Schon Goethe hat das Eis der Ilm aufgehackt, um im kalten Wasser zu baden. Im Ried ist es bisher bei den beiden Einzelkämpfern geblieben.

Sie tummeln sich im Biebesheimer Wechselsee, wo der Ältere wohnt, wechseln am Gernsheimer Wohnort des Jüngeren in den Rhein, wenn der See zugefroren ist. Zwar haben die Winterschwimmer schon einmal ein Loch ins Eis gehauen, aber dann verzichtet: „Gegen dünnes Eis zu schwimmen, ist nicht schön.“

Zehn Minuten reichen

Die aktuellen Temperaturen lassen die beiden Sportler kalt. Heiß auf den See waren sie aber, als er kürzlich auf zwei Grad heruntergekühlt war. Rund zehn Minuten tummeln sich die beiden Winterbader im Nass. „An die Kälte gewöhnt man sich“, sagt Gustav, der an das erste Mal bei acht Grad erinnert: „Es war so harmlos, ich hatte viel mehr Kälte erwartet.“ Waldemar dagegen war sehr nervös, hielt dazu an, nur drei, vier Minuten im Rhein zu bleiben: „Wir sind keine Risikotypen, wir haben langsam begonnen und systematisch ausgebaut.“

Angefangen hat die Leidenschaft bei einer Fußwanderung von Magdeburg nach Heiligenstadt. 250 Kilometer Strecke bieten Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen, und unterwegs traf Waldemar Meierl einen Mann, der darüber sprach. Obwohl der „schon ein wenig versponnen war“, setzte sich der Biebesheimer mit dem Thema auseinander, las nach. Die Literatur gab er auch seinem Bruder, der bald darauf anrief: „Wir machen das!“

Beide Meierls brachten gute Voraussetzungen für das Vergnügen mit, dem sie im Winter zweimal wöchentlich frönen: Sie waren gute Schwimmer und Saunagänger, hatten ein gesundes Herz, der Kreislauf war in Ordnung. Anfänger sollten bereits im September mit den Badegängen beginnen, um sich zu akklimatisieren, raten sie. Zu beachten sei auch ein ungeschriebenes Gesetz: niemals allein. Die Brüder sind auch da eingespielt: Gustav geht vorneweg, Waldemar hinterher.

Wenn der Moment der Überwindung vorüber ist, „spürt man nur noch sich selbst“, sagt Gustav Meierl, „man geht eine Verbindung mit dem Wasser ein und kann alles von sich werfen“. Es sei „wie eine Meditation“, ergänzt Bruder Waldemar, dem jedes Eintauchen einen Adrenalinstoß versetzt.

Die Meierl-Brüder sind, wie sie sagen, ebenso wärmebedürftig wie andere Menschen auch. Daher haben sie gelernt, Kopf, Finger und Füße zu schützen, weil diese Körperteile rasch auskühlen. Zur Ausrüstung gehört auch unbedingt der Bademantel. Nach dem Bad kann eine kritische Phase folgen, weil die Körper unterkühlt sind. „In der Aufwärmzeit frieren wir schon mal“, bekennt Waldemar. In Gustavs Kleinbus wartet dann heißer Ingwertee, der von innen aufheizt.

Neben dem Erlebnis an sich erkennen Meierls einen weiteren Vorteil ihrer Passion: Der Kältereiz stärkt das Immunsystem. Erkältet sind sie selten. Generell fühlen sich beide weniger anfällig für Krankheiten, Durchblutung und Kreislauf werden angeregt. Das wollen die Brüder auch anderen Menschen gönnen: „Es wäre schön, wenn sich eine Gruppe bilden würde.“ (eda)

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